Rückstauschäden

Tom Kionka,

Rückstau managen

Die Auswirkungen des Klimawandels nehmen zu. Immer öfter bringt er Regen im Übermaß. Deshalb wächst die Gefahr des Rückstaus aus überlasteter Kanalisation. Und weil Rückstauschäden existenzbedrohende Ausmaße annehmen können, ist wirksamer Schutz nötiger denn je.

Wo sich der Starkregen Platz sucht © Mall

Das Umweltbundesamt beziffert die derzeitige Versiegelungsrate für ganz Deutschland auf über 60 Hektar pro Tag. „Angesichts der steigenden Starkregengefahr spielt die Bebauungsdichte eine immer wichtigere Rolle“, so der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Wo sich der Starkregen Platz sucht…
In Siedlungsräumen mit hoher Versiegelung bleiben dem Starkregen nur zwei Wege. Anfänglich fließt er in die Kanalisation, füllt diese aber sehr schnell bis zur Kapazitätsgrenze und flutet dann zwangsläufig die Oberflächen. Für Grundstücke und Gebäude ergibt sich daraus ein doppeltes Risiko mit hohem Gefahrenpotenzial: Überflutung einerseits, Rückstau aus überlasteter Kanalisation andererseits. Doch trotz der vielen Starkregenkatastrophen, die in jüngster Vergangenheit schon verheerende Schäden angerichtet haben – die „Auswirkungen extremer Niederschläge werden in der Öffentlichkeit noch immer unterschätzt“, mahnt Dr. Tim Peters. Er ist Meteorologe und arbeitet beim Versicherungsunternehmen Westfälische Provinzial. Nach seiner Erfahrung „kann Starkregen für jeden Hausbesitzer bei nicht ausreichender Vorsorge existenzbedrohende Auswirkungen haben.“

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Rückstau verstehen
Ein Rückstauereignis baut sich auf, wenn die Kanalisation überlastet ist. Dann staut sich das Wasser im Rohrsystem und drückt durch Anschlussleitungen zurück in Gebäudeteile und Grundstücksareale. Sind gefährdete Räume oder Flächen nicht gegen Rückstau geschützt, werden sie aus der Kanalisation geflutet. Meist sind es Kellerräume, die betroffen sind. Schäden an Bausubstanz, technischen Anlagen und Inventar die Folge. Oft sind Starkregenereignisse die Ursache. Daneben können aber auch unplanmäßige Einleitungen von Abwasser sowie Ablagerungen oder Verstopfungen im Rohrsystem ein Rückstauereignis bewirken.

Rückstauschutz mit Hebeanlage und Rückstauschleife. Abwasser aus dem Kanal kann nur bis zum Niveau der Rückstauebene (NR) in die Rückstauschleife steigen. Hebeanlage und Gebäude sind wirksam geschützt. © Mall

Dass Rückstaulagen in Folge extremer Niederschläge entstehen, ist unvermeidbar. Ab- und Regenwasserkanäle können nicht beliebig groß dimensioniert werden. Zum Rückstau kommt es, wenn große Regenvolumina das Fassungsvermögen der Kanalisation übersteigen. Ist der Kanal dann vollständig geflutet, quillt das Wasser aus Gullys und Schächten auf die Straße und fließt oberirdisch ab. Deshalb ist die Straßenoberkante im Regelfall jenes Niveau, bis zu dem ein Rückstau maximal anwachsen kann. Dieser höchstmögliche Rückstaulevel wird als Rückstauebene bezeichnet. Sie markiert, welche Bereiche der an den Kanal angeschlossenen Gebäude und Flächen rückstaugefährdet sind: Alle, die darunter liegen.

Das Risiko managen
Die Herausforderung eines Starkregenmanagements zur Minimierung von Schadensverläufen nimmt zunächst Bund, Länder und Kommunen in die Pflicht. Um massive Niederschläge lenken zu können, steht der wassersensible Umbau von Städten und Gemeinden auf der Agenda. Es gilt, Siedlungsräume dahingehend anzupassen, dass sie große Regenmengen aufnehmen können – durch Speichern, Nutzen, Versickern, Rückhalt mit verzögerter Abgabe. Auch Straßenzüge und Freiflächen als Notabflusstrassen auszuweisen und entsprechend zu gestalten ist Teil dieses Konzepts. So können Wassermassen, die der Kanal nicht mehr aufnehmen kann, dennoch schadlos abfließen.

Rückstaulage bei Gefälle quer zur Straße. NR bezeichnet die Rückstauebene. © Mall

Trotz aller makrostrukturellen Anpassungen liegt es im Verantwortungsbereich jedes einzelnen, Haus- und Grundbesitz vor Starkregenschäden zu bewahren. Schutz gegen Überflutung ist dabei die eine Seite, Rückstauschutz die andere. Um rückstaugefährdete Gebäudeteile und Grundstücksareale abzusichern, sind die maßgeblichen Normen die DIN EN 12056-4 und DIN 1986-100 für den Einbau einer Hebeanlage mit nachgeordneter Rückstauschleife.

Es können zwar auch Rückstauverschlüsse nach DIN EN 13564 verbaut werden, solche Verschlussklappen gelten aber als störanfällig, wobei der Nachteil darin besteht, dass eine Fehlfunktion erst bei Eintreten des Rückstaufalls offenkundig wird. Dann aber ist es zu spät; der Wassereinbruch aus dem Kanal nimmt seinen Lauf. Die Schutzfunktion des Systemensembles Hebeanlage plus Rückstauschleife ist dagegen immer gewährleistet. Selbst wenn der Kanal bis zum höchstmöglichen Niveau der Rückstauebene geflutet ist, endet das gebäudewärts drängende Abwasser an der Rückstauschleife. Weil sie die Entwässerungsleitung des Grundstücks über die Rückstauebene hinweg zum Kanal führt, stoppt sie unweigerlich jeden Rückstaufluss aus der Gegenrichtung.

Für den individuellen Bedarf dimensionierte Hebeanlagen liefert Mall mit werkseitiger Vorausrüstung. Im Bild die Ausführungsvariante als Doppelpumpstation, wie sie unter Umständen bei Fettabscheidern obligatorisch ist. © Mall

Abscheider mit Sonderregeln
Rückstauschutz bei Abscheidern für Fette und Leichtflüssigkeiten unterliegt strengeren Regeln. Ggf. fordern die Normen DIN 4040-100 und DIN 1999-100 eine Rückstausicherung per Abwasserhebeanlage mit Rückstauschleife. Für Fettabscheider trifft das ausnahmslos zu, sobald der Ruhewasserspiegel des Abscheiders unterhalb der Rückstauebene liegt. In diesem Fall ist zwingend eine Entwässerung per Doppelhebeanlage mit Rückstauschleife vorzusehen. Es gilt, sicherzustellen, dass Fette nach einem Rückstauereignis nicht in die Kanalisation geschwemmt werden.

Bei Leichtflüssigkeitsabscheidern muss man den Austritt von Benzin, Diesel und Öl am Schachtaufbau unterbinden. Lässt sich die erforderliche Überhöhung des Schachts gegenüber dem Niveau der Rückstauebene nicht realisieren, muss eine Rückstausicherung vorgesehen werden. Dabei genügt ein Rückstauverschluss vom Typ 2 oder Typ 3 gemäß DIN EN 13564, wenn er die Unterbrechung des Rückstauzuflusses zum Abscheider sicher gewährleistet. Andernfalls verlangt die DIN 1999-100 auch hier eine Hebeanlage mit Rückstauschleife, damit die betriebssichere Entwässerung gegeben ist.


Weitere info
Ratgeber Rückstauschutz
Anfang 2019 hat Mall den „Ratgeber Rückstauschutz“ herausgegeben. Die Broschüre ordnet das Rückstauphänomen in den geoklimatischen und geopolitischen Kontext des Klimawandels ein. Es wird erklärt, warum sich Rückstaulagen aufbauen und welche Möglichkeiten für technischen und baulichen Rückstauschutz es gibt. Man erfährt mehr über die Aspekte rund um den Versicherungsschutz sowie drei typische Anwendungsbeispiele.

„Risiko Starkregen – Gebäude, Technik und Inventar gegen Überflutung schützen“
Ratgeber für Planungsbüros, Kommunen, Handwerk und Wohnungswirtschaft, Herausgeber: Mall GmbH, Donaueschingen, 1. Auflage 2019
ISBN 978-3-00-060966-4, Preis: 15,00 EUR, Bezug: www.mall.info

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