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Artikel und Hintergründe zum Thema

Massiver Handwerkermangel

Annina Schopen,

IG BAU warnt: Der Bau-Branche droht Burnout

Dem Bau in Deutschland drohe ein Burnout. Davor warnt die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU). Die Branche leide unter einem massiven Handwerkermangel, die Zahl offener Stellen habe sich seit 2010 vervierfacht.

Die Branche leide unter einem massiven Handwerkermangel, die Zahl offener Stellen habe sich seit 2010 vervierfacht, so die IG BAU. © Pixabay

Allein der Wohnungsbau mit Neubau, Umbau, klima- und seniorengerechter Sanierung sei ein Mammutprogramm für die Firmen, das mit den vorhandenen, ohnehin voll ausgelasteten Kräften kaum zu schaffen sei. „In nahezu allen Betrieben der Bauwirtschaft gibt es ein ‚Arbeitskräfte-Vakuum‘. Bauarbeiter werden händeringend gesucht. Das Nadelöhr für mehr Wohnraum, für besseren Klimaschutz und sinkende Mieten sind die Fachleute auf dem Bau“, sagt Carsten Burckhardt, Bundesvorstandsmitglied der Gewerkschaft und dort für die Bauwirtschaft und Handwerkspolitik zuständig.

Trotz stetig steigender Gewinne hätten es viele Baufirmen in den letzten Jahren versäumt, die Arbeit in der Branche attraktiver zu machen. „Das rächt sich jetzt“, so Burckhardt. Die Knappheit an Arbeitskräften werde zunehmend zum Risiko für den Bau – und damit auch zu einem erheblichen Problem für die Politik, die sich mit den Wohnungsbau- und Klimazielen für Gebäude ein ehrgeiziges Programm vorgenommen habe.

Die IG BAU verweist auf aktuelle Zahlen des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Danach verzeichnete die Bauwirtschaft im ersten Quartal dieses Jahres bundesweit 191.000 offene Stellen – und damit fast vier Mal so viele wie noch im Jahr 2010, als 52.000 Baubeschäftigte fehlten. Zum Vergleich: In der Gesamtwirtschaft hat sich die Zahl offener Stellen im selben Zeitraum verdoppelt. „Es ist bezeichnend und besorgniserregend, dass es den Firmen der Bauwirtschaft so schwerfällt, nötiges Personal zu finden und langfristig zu halten“, konstatiert Burckhardt. Dabei stehe die Branche nach zehn Boom-Jahren gut da. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wuchs der Umsatz im Bauhauptgewerbe im ersten Quartal 2022 um 26 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

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„Probleme sind hausgemacht“

Die größten Probleme der Bauunternehmen seien nicht die derzeit steigenden Materialpreise oder Energiekosten, urteilt Burckhardt. Diese würden an die Kunden weitergegeben. Projekte verzögerten sich dann um einige Wochen. „Die eigentlichen Probleme sind allerdings hausgemacht. Über Jahre hinweg haben die Unternehmen der Bauwirtschaft, vor allem im Handwerk, die Einkommen ihrer Beschäftigten gedrückt. Sie haben sich kaum darum gekümmert, dass Tarifverträge eingehalten werden. Viele sind aus den Arbeitgeberverbänden ausgetreten. Dann haben sich die Firmen bei den Preisen gegenseitig unterboten und einen Dumping-Wettbewerb auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen“, kritisiert IG BAU-Bundesvorstand Burckhardt.

Nach Beobachtung der Gewerkschaft haben vor allem Betriebe im Bauhandwerk stark mit der Abwanderung von Fachkräften zu kämpfen. Nur vier von zehn Berufsstartern arbeiteten fünf Jahre nach der Gesellenprüfung noch auf dem Bau. Ein Großteil wandere in die Industrie ab. „Statt harter Arbeit bei Wind und Wetter, vielen Überstunden, stundenlanger Pendelei zu immer neuen Baustellen erwarten sie dort klimatisierte Werkhallen und feste und planbare Arbeitszeiten. Es ist klar, dass Bauberufe körperlich fordern und Baustellen wechseln. Aber Fachkräfte wird auf Dauer nur halten, wer gute Löhne und Gehälter zahlt. Wer familienfreundliche Arbeitszeiten bietet. Und wer die Arbeit auf mehr Schultern verteilt“, so Burckhardt. Das funktioniere nicht nur in der Industrie; es müsse auch im Handwerk künftig genau so laufen.

Die IG BAU warnt zudem davor, allein auf die Zuwanderung aus Drittstaaten zu setzen. Zwar sei der Bau mittelfristig auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. „Aber der enorme Bedarf an neuen Wohnungen, an der Instandhaltung der Verkehrsinfrastruktur und an klimagerechten Gebäudesanierungen bedeutet Arbeit für Jahrzehnte. Dafür braucht es langfristige Planungen und eine Nachwuchsstrategie, die schon in den Schulen ansetzt. Ohne einheimische Beschäftigte wird es nicht gehen“, unterstreicht Burckhardt.

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