Dr. Hannes Zapf im Interview

Martin Schrüfer,

„Der Krieg wird die Transformation beschleunigen“

© Deutsche Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau

Als Folge des Ukraine-Krieges sind die bereits vor dem Konflikt rasant gestiegenen Material- und Energiepreise förmlich explodiert. Laut einer DIHK-Umfrage klagen bereits 60 Prozent der Unternehmen über massive Störungen in der Lieferkette und Logistik. Dr. Hannes Zapf, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau, erläutert unter anderem die Lage in seiner Branche.

Baugewerbe: Der Gaspreis hat sich von 30 Euro auf 300 Euro pro Megawattstunde verzehnfacht. Erste Baustoffhersteller haben die Produktion heruntergefahren. Wie ist die Situation in Ihrem Unternehmen und was hören Sie von Kollegen?

Hannes Zapf: Da wir langfristige Verträge mit unserem regionalen Energieversorger abgeschlossen haben, können wir noch stabil produzieren. Wir sind zu 100 Prozent lieferfähig, können aber nicht jede gewünschte Tagesmenge garantieren. Für Kollegen, die Energie zum aktuellen Tagespreis beziehen müssen, spitzt sich die Lage hingegen zu. Viele sind an der Grenze ihrer finanziellen Belastbarkeit angelangt. Der Punkt, ab dem sich nicht mehr wirtschaftlich produzieren lässt, ist dann schnell erreicht. Eine weitere Belastung sind die um mehr als 30 Prozent gestiegenen Kosten für energie- und CO2-intensive Vorstoffe, etwa Kalk und Basalt. Diese Kosten konnten wir nicht sofort an unsere Kunden weitergeben. Auch wenn eine höchstrichterliche Klärung noch aussteht, gelten Kriegsfolgen als höhere Gewalt. Das eröffnet gewisse Handlungsspielräume, erfordert aber von den Vertragspartnern, dass sie besonnen mit der Situation umgehen, um eine einvernehmliche Lösung zu finden.

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BGW: Derzeit wird über eine temporäre Absenkung der Energiebesteuerung diskutiert. Welche weiteren Maßnahmen halten Sie für sinnvoll, um die Lage zu entspannen?

Zapf: Eine Aussetzung der Energiesteuer kann die momentane Situation übergangsweise entspannen. Viel wichtiger ist aber der schnelle Umstieg auf erneuerbare Energien. Bei der Verabschiedung des Sanktionspakets gegen Russland hat die Politik gezeigt, dass in der Not vieles zügig umgesetzt wurde, was bis dato undenkbar schien. Dieses Tempo wünsche ich mir auch bei Gesetzgebungs- und Genehmigungsverfahren. So makaber das jetzt klingen mag, kann die kriegsbedingte Energiekrise sogar dazu beitragen, die Widerstände gegen Windkraft- und Photovoltaikanlagen zu beseitigen. Es gibt bereits erste Stimmen, die ein Erneuerbare-Energien-Notgesetz vorschlagen. Dies könnte unter anderem eine Sofortgenehmigung aller im Bearbeitungsprozess befindlichen Solar- und Windkraftanlagen, die Abschaffung aller länderspezifischen Behinderungsregelungen sowie die temporäre Einschränkung des Klageweges beinhalten. Dieser Vorschlag sollte aus meiner Sicht auf breiter gesellschaftlicher Ebene öffentlich diskutiert werden.

BGW: Ihre Branche steckt mitten im Transformationsprozess, der eine klimaneutrale Produktion bis 2045 vorsieht. Verschiebt der Ukraine-Krieg die Prioritäten?

Zapf: Der Umstieg auf erneuerbare Energien in unserer Branche hat zwar begonnen, ihr Anteil macht aber zurzeit bestenfalls 10 Prozent aus. Das heißt, zu 90 Prozent sind wir immer noch auf Erdgas angewiesen. Ich bin mir sicher, dass die klimaneutrale Transformation der Mauerwerksbranche und der gesamten deutschen Industrie durch den Krieg deutlich an Fahrt gewinnen wird.

BGW: Angesichts rasant steigender Materialpreise und gestörter Lieferketten wird der Ruf nach regionalen Baustoffen lauter. Inwieweit kann die Mauerwerksindustrie Engpässe anderer Baustoffe ausgleichen?

Zapf: Die Corona-Pandemie und der Ukraine-Krieg haben uns deutlich vor Augen geführt, wie volatil die internationalen Lieferketten sind und wie erpressbar man durch Rohstoffabhängigkeit wird. Spätestens jetzt dürfte jedem klar geworden sein, dass wir gesellschaftlich relevante Güter, zu denen auch Baumaterialien zählen, künftig in Deutschland beziehungsweise in Europa produzieren müssen. Da die Mauerwerksindustrie ausschließlich heimische Rohstoffe verarbeitet, sind wir grundsätzlich in der Lage, unsere Produktion kurzfristig hochzufahren und damit Lieferengpässe anderer Baumaterialien temporär aufzufangen. Aber auch wir sind momentan von Lieferengpässen unserer vorgelagerten Partner in der Wertschöpfungskette betroffen. Dies ist allerdings der aktuellen Situation geschuldet.

BGW: Laut Schätzung des Bundes wird sich die Zahl der Menschen, die aus der Ukraine nach Deutschland fliehen, auf eine Million erhöhen. Was bedeutet das für den Wohnungsbau?

Zapf: Um dem Teil der ukrainischen Flüchtlinge, die auf Dauer in Deutschland bleiben, ein neues Zuhause bieten zu können, werden wir die 400.000 geplanten neuen Wohnungen pro Jahr in den nächsten Jahren weiter nach oben korrigieren müssen. Und da der Bauprozess aufgrund der steigenden Material- und Energiepreise teurer wird, sind deutlich mehr öffentliche Gelder notwendig. Frau Geywitz hat ja gerade angekündigt, dass der Bund zusätzliche Milliarden für den sozialen Wohnungsbau bis 2025 zur Verfügung stellen wird. Wir dürfen nicht vergessen, dass über 60 Prozent des Wohnungsneubaus von Privatleuten gestemmt werden. Wenn diese nicht investieren, weil es sich nicht mehr rentiert, besteht die Gefahr einer Wohnungsnot. Deshalb sollte man die Prioritäten der aktuellen Krisensituation anpassen und die Energiestandards im Neubau nicht weiter erhöhen. Die letzten drei Prozent bringen nicht viel, kosten aber am meisten. Zudem werden wir enger zusammenrücken und den Flächenverbrauch pro Person reduzieren müssen. Wie das aussehen kann, zeigen Co-Housing-Konzepte, bei denen kleine Apartments durch großzügige Gemeinschaftsflächen ergänzt werden. Das können Büroräume, Fitnessstudios, Bibliotheken, Werkstätten oder Urban-Gardening-Flächen sein. Aus weniger für den Einzelnen wird auf diese Weise mehr für alle.

BGW: Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal haben Sie und weitere Unternehmer Mauersteine für den Wiederaufbau gespendet. Ist nach Beendigung des Krieges eine ähnliche Spendenaktion für die Ukraine geplant?

Zapf: In der Ukraine gibt es viele Kalksandsteinwerke, die mittlerweile vermutlich zum Teil zerstört sind. Ich rechne nach Kriegsende mit einer ähnlichen Solidarität unter den deutschen Unternehmen wie nach der Wende. Wir werden die Kollegen nicht im Stich lassen. Ich bin mir sicher, dass es eine große Kooperations- und Investitionsbereitschaft geben wird. Ich selbst habe Kontakte nach Charkiw, der Partnerstadt von Nürnberg. Gemeinsam mit der Arbeiterwohlfahrt engagieren sich Unternehmer aus meiner Region für soziale Projekte vor Ort. Was sich dort abspielt, ist schrecklich. Die medizinische Versorgung ist schwierig, weil die Krankenhäuser zerstört sind und es keine ausreichenden Medikamente gibt. Jeder, der spenden möchte, kann dies auch über den Partnerschaftsverein Charkiw-Nürnberg e.V. tun.

Der Beitrag erschien in Baugewerbe 4/22.

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