Aus Baugewerbe Unternehmermagazin 3\2020

Bauen im ländlichen Bereich

Neubauten müssen nicht immer auf der grünen Wiese entstehen. Im bayerisch-schwäbischen Bellenberg ist ein Projekt in Ziegelmassiv bauweise realisiert worden, das diverse Belange in Einklang bringt.

„Gebrochene“ Häuserzeile: Die Architekten planten drei versetzte Gebäude mit Giebeldächern, die sich in das Ortsbild einfügen. © tdx/Ziegelwerk Bellenberg/Gerd Schaller

Viele ländliche Regionen befinden sich im Wandel. Bewohnerstruktur und Traditionen ändern sich. Ursprüngliche Ortscharaktere sind bedroht, weil der Flächenverbrauch an den Rändern der Gemeinden zunimmt und die Ortskerne veröden. Mit der Schaffung neuer Baugebiete soll möglichst schnell der Druck auf den Wohnungsmarkt in den Ballungsräumen gemildert werden. In den Ortsmitten nehmen jedoch Leerstände zu, während der Ring aus Wohn- und Gewerbegebieten wächst. Innenentwicklungen müssen oft frühzeitig verworfen werden – gewiss aus guten Gründen und gegebenen Umständen: ungünstige Grundstückszuschnitte, belastender Durchgangsverkehr, schwer sanierbare Altbestände, komplizierte
Eigentumsverhältnisse.

Neue Mitte: Belange der Bewohner berücksichtigt
Im bayerisch-schwäbischen Bellenberg haben Bauherrenschaft, Architekten und Lokalpolitik Mut und Geduld bewiesen. Entlang der Ortsdurchgangsstraße, die Bellenberg mit Ulm und Vöhringen im Norden sowie Illertissen im Süden verbindet, ist ein unscheinbares aber erwähnenswertes Stadtquartier zu sehen: Die Neue Mitte. Auf dem Gelände eines ehemaligen Gasthofes ist innerhalb von 15 Monaten ein Ersatzbau aus drei Mehrfamilienhäusern mit Gewerbeeinheiten entstanden. Heute wohnen hier rund 60 Menschen sowie die Gäste einer Tagespflegestation für Senioren. Hinzu kommen diverse Mitarbeiter in Büros und Praxen. Das Besondere daran: Bei der Neuen Mitte wurde die Idee des Mehrgenerationenwohnens neu gedacht. So wurden die Bedürfnisse der ortstypischen Bevölkerungsstruktur berücksichtigt. Für die junge Generation wurde unweit der Elternhäuser zentral attraktiver Wohnraum geschaffen. Die ältere Generation kann möglichst lange in ihrer gewohnten Ortsumgebung leben und ihre Familien werden tagsüber durch das Pflege- und Betreuungsangebot bestmöglich unterstützt.

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Konzept der "gebrochenen" Häuserzeile
Auch die gestalterische Herangehensweise war den Anforderungen an das Bauen im ländlichen Raum angemessen. Die Eigenheiten und örtlichen Besonderheiten wurden herausgearbeitet, im Kern erfasst und für den Entwurf nutzbar gemacht. Die Akteure legten einerseits Wert auf typische, traditionelle Erscheinungsformen. Andererseits ist die bauliche Erneuerung auch deutlich erkennbar. Das Architekturbüro Nething Generalplaner verfolgte für das Quartier das Konzept einer „gebrochenen“ Häuserzeile. Das heißt, es entstand kein kompakter Häuserblock auf dem freien Grundstück, sondern drei versetzte Gebäude mit Giebeldächern, die sich harmonisch in das Ortsbild integrieren. Mit klaren Gebäudeformen, modernen Grundrissen und nach haltiger Bauweise wurden auch die drei Hauptkriterien des Bauherrn erfüllt. Um Wertbeständigkeit und ökologische Verträglichkeit zu steigern, wurden die Häuser in Ziegelmassivbauweise ausgeführt.

Die Neue Mitte im bayerisch-schwäbischen Bellenberg ist ein Vorzeigeprojekt für Bauen im ländlichen Bereich. © tdx/Ziegelwerk Bellenberg/Gerd Schaller

Bauphysikalisch effiziente Lösung mit Ziegeln
Die drei Häuser wurden als schlanke Quader mit Satteldach und Gauben im Dachbereich ausgeführt. Bewusst setzten Bauherr und Architekt auf den nachhaltigen Mauerwerksbau aus Ziegeln. Besondere Herausforderung für die Planung war die direkte Lage an der Ortsdurchgangsstraße. Durch die Verwendung des Planziegels MZ90-G des ortsansässigen Ziegelwerks Bellenberg werden die Anforderungen an den Schutz vor Verkehrslärm mit einschaligen, hoch wärmedämmenden Ziegelwänden erreicht. Somit ist
das Ensemble gut gegen Außenlärm geschützt.

Schallschutz und Wärmedämmung
Neben dem Schallschutz nutzt der MZ90-G auch der Wärmedämmung. Die Ziegelkammern sind mit Pads aus mineralischer Brickrock-Dämmung gefüllt, wodurch der Ziegel bei einer Stärke von 36,5 Zentimeter einen Wärmedurchgangskoeffizient (U-Wert) von 0,23 Watt pro Quadratmeter und Kelvin (W/(m2 K)) erreicht. Damit konnte auf ein außenwandiges Wärmedämmverbundsystem verzichtet werden. Er ist zudem als Brandwand geeignet. Bei den Innenwänden entschieden sich die Planer überwiegend für den Hochlochziegel ThermoBlock TS², der im Vergleich zu anderen Materialien eine gute Wärmespeicherfähigkeit besitzt und damit einen wichtigen Beitrag zum Innenraumklima leistet.

Verwendung von Planziegeln: Die direkte Lage der Neuen Mitte an der Ortsdurchgangsstraße in Bellenberg erhöhte die Anforderungen an den Schallschutz. © tdx/Ziegelwerk Bellenberg/Gerd Schaller

KfW-70-Standard problemlos erreicht
Neben der Ausführung in massiver Ziegelbauweise entschied sich das Planungsteam in Sachen Energetik für eine Luft-Wasser-Wärmepumpe und eine Gas-Brennwertheizung zur Spitzenlastabsicherung. Mit dieser Technik konnte der KfW-70-Standard problemlos erreicht werden. Wohnkomfort, Umweltschutz und gesetzliche Auflagen zur Heizkostenersparnis sind auf diese Weise gut vereinbar. Eine dezentrale Lüftungsanlage mit Wärmetauscher regelt zusätzlich den Luftwechsel im Gebäude, was besonders im Winter die Energiekosten positiv beeinflusst. Zudem kam eine maschinelle Belüftung der zur Straße gelegenen Schlaf- und Kinderzimmer zum Einsatz. Die großflächigen Fenster auf der Südseite lassen auch in der kalten Jahreszeit Sonnenwärme einfallen, in den Sommermonaten können diese mit elektrischen Jalousien beschattet und so die Wohnungen kühl gehalten werden. Auch bei der Gestaltung der Freiflächen legten die Planer Wert auf eine ansprechende Lösung: Parkplätze „verschwanden“ in einer Tiefgarage, was Platz für grüne Außenräume und einen Spielplatz schuf.

Baukonzept begünstigt nachbarschaftliches Miteinander
Die Mehrfamilienhäuser haben mehrheitlich nur drei Wohneinheiten pro Etage. So können sich kleine Hausgemeinschaften bilden, in denen sich die Nachbarn gegenseitig unterstützen. Die Wohneinheiten sind 40 bis 100 Quadratmeter groß mit zwei bis fünf Zimmer. Von kompakt bis familienfreundlich gibt es für jeden Bedarf den passenden Wohnraum. Alle Etagen sind über einen Aufzug erreichbar, der bis in die gemeinsame Tiefgarage reicht. Die gesamte Wohnanlage wurde barrierefrei gestaltet. In den Wohnungen legte der Bauherr Wert auf eine wertige und zeitgemäße Ausstattung. Zu den Erdgeschosswohnungen gehören Gartenanteile mit Terrasse. Im Untergeschoss befinden sich die Kellerabteile, im gemeinschaftlichen Fahrradraum können Zweiräder abgestellt werden. Ein attraktives Begrünungskonzept rundet das Erscheinungsbild der Wohnanlage mit üppigen Pflanzzonen, Rasenflächen und Kinderspielbereichen ab.

In der Tagespflegeeinrichtung der Neuen Mitte Bellenberg bietet der Caritasverein Illertissen mittlerweile 30 Plätze an. Das Konzept will älteren Menschen ein heimatnahes Betreuungsangebot schaffen. Auf jeweils 239 Quadratmeter mit Gemeinschaftsraum, Speisebereich, Küche und weiteren Räumen sind im nahezu baugleichen Süd- und Nordgebäude zwei Gruppen mit je 15 Personen untergebracht.

Gemeinschaftsraum mit Speisebereich und Küche: Für das Baukonzept der Neuen Mitte in Bellenberg spielte Barrierefreiheit eine wichtige Rolle. © tdx/Ziegelwerk Bellenberg/Gerd Schaller

Augenmerk: Schadstoffe vermeiden
Die aktuellen Wünsche der Bauherren lassen sich klar benennen: Bauen und Wohnen muss bezahlbar und gesund sein. Was bei Kindergärten und Krankenhäusern längst selbstverständlich ist, wird auch von den eigenen vier Wänden erwartet: Schadstoffe haben im Wohnumfeld nichts verloren. Die Frage nach der Bauweise ist längst keine Philosophie unter Fachleuten mehr, sondern ein handfestes Argument für die Bewohner. Es ist wichtig, Schadstoffe sowohl bei Böden, Decken und Wänden als auch bei Farben, Klebstoffen und Möbel zu vermeiden oder zu mindest stark zu reduzieren. Das Thema Schadstoffe betrifft am häufigsten die Dämmung. Am sichersten bewertet sind Glas, Ziegel und Mineralfasern. Deshalb haben Ziegelhersteller eine Steinwolledämmung in den Ziegel integriert. Das Ergebnis ist ein sicherer, gut dämmender und baubiologisch empfehlenswerter Wandbaustoff.

Beim Projekt Neue Mitte in Bellenberg haben Bauherrenschaft, Planer und Bauausführende bewiesen, dass sie Verantwortung übernehmen. Preiswerten Wohnraum zu schaffen ist nicht gleichzusetzen mit der vermeintlich billigsten Bauweise. Denn jedes Haus, das die Bedürfnisse nach Wohngesundheit nicht erfüllen kann, ist seinen Preis nicht wert. In nur 15 Monaten Bauzeit entstanden rund 2.800 Quadratmeter Wohnraum – hochwertig, modern, bauphysikalisch up to date und obendrein bezahlbar: Für die Ausführung in Ziegelbauweise samt gehobener Ausstattung und moderner Heiztechnik beliefen sich die Gebäudekosten pro Quadratmeter auf 2.050 Euro, die Tiefgarage nicht einberechnet. Die Kaltmiete beträgt je nach Wohnungsgröße 8,00 bis 8,50 Euro und entspricht der ortsüblichen Durchschnittsmiete. Anfang 2017 zogen die ersten Mieter ein – heute ist die „Bellenberger Neue Mitte“ ein lebendiges Wohnquartier mit Zukunft.

Ziegel als nachhaltiger Baustoff aus der Region
Ton, Lehm und Wasser: An den natürlichen Bestandteilen des Ziegels hat sich in den Jahrtausenden seiner Nutzung nichts geändert. Lehme und Tone für Bellenberger Ziegel werden oberflächennah im Tagebauverfahren gewonnen. Sie stammen hauptsächlich aus Lagerstätten in unmittelbarer Nähe des Ziegelwerks. Im Kollergang und den Walzwerken werden Tone und Lehme mechanisch aufbereitet und zerkleinert. Die für den späteren Mauerziegel wichtigen Grundstoffe werden zusammen mit Steinmehlen und Porosierungsstoffen in bestimmten Verhältnissen gemischt und befeuchtet. Nach der Lagerung im Sumpfhaus und erneutem Walzen wird die Rohmasse mit hohem Druck durch Mundstücke an einem Strang gepresst und in Einzelformate geschnitten. Nach diesem Schritt sind Format und Lochbild des Ziegels zu er kennen. Die geformten Ziegelrohlinge kommen über Förderstraßen in den Trockner, der mit der Abwärme des Tunnelofens betrieben wird. Je nach Format und Rohdichte beträgt die Trocknungszeit etwa 24 Stunden. Anschließend durchlaufen die Rohlinge den Tunnelofen. Bei Temperaturen zwischen 850 und 1.000 Grad Celsius wird der Ziegel gebrannt. Dabei wird das kapillare Wasser aus dem Ton getrieben. Zudem verbrennen die im Ton eingeschlossenen Porosierungsstoffe vollständig und bilden viele Mikroluftkammern, die im später gebauten Haus für ein optimales Dämmverhalten sorgen. Abschließend werden die Ziegel palettiert, verpackt und bis zur Lieferung an die Baustelle auf dem Werksgelände in Bellenberg gelagert.

Ökologie, Ökonomie, technische und soziokulturelle Leistungsfähigkeit sind die vier Faktoren der Nachhaltigkeit. Auf den Ziegel bezogen sind hiermit Umweltauswirkung, Kosten, Langlebigkeit und Nutzungsfreundlichkeit gemeint. Um diese Punkte korrekt beurteilen zu können, müssen alle Phasen vom Abbau des Rohstoffes über die Produktherstellung und dessen Verarbeitung bis hin zum Recycling betrachtet werden. Ziegel schneiden hier gut ab. Sie bestehen aus natürlichen Bestandteilen wie Ton, Lehm, Wasser und Sand und sind sowohl für Mensch als auch Natur unbedenklich. Neben Gesundheitsverträglichkeit, Allergen- und Schadstofffreiheit überzeugen Ziegel mit besonderen Hitzeschutz- und Wärmedämmeigenschaften. Der einzigartigen Fähigkeit des Ziegels, Wärme und Feuchte zu speichern, ist ein später resultierendes ausgeglichenes Raumklima zu verdanken.

Ohne Schaden, ohne Schadstoff
Die Verarbeitung zu Ziegelmauerwerk ist einfach und ausführungssicher. Mörtel und Putz reichen aus, um mit kostengünstig einen schadenfreien Rohbau erstellen zu können. Bellenberger Ziegel erfüllen die heute geltenden Normen für Statik, Schall-, Brand-, und Wärmeschutz. Sie sind formstabil und feuchteesistent. Zahlreiche Entwicklungen, die die deutsche Ziegelindustrie geprägt haben, stammen aus Bellenberg. So kommen die ersten Planziegel sowie der erste Wärmedämmziegel aus der technischen Ideenschmiede des Ziegelwerks. In Bellenberg kommt modernste Technik zum Einsatz. Der Verbrauch an Primärenergie konnte in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 30 Prozent reduziert werden. Eine energieeffiziente Abgasreinigungsanlage reduziert den CO2-Ausstoß auf ein Minimum. Die Abgase landen in einem Katalysator, ein Filter hält übriggebliebene Schadstoffe zurück. Die Grenzwerte des Bundes-Immissionsschutzgesetzes werden in Bellenberg unterboten.

Wo Rohstoffe abgebaut werden, findet immer ein Eingriff in die Natur statt. Beim Ton- und Lehmabbau in Bellenberg geschieht dies landschaftlich lokal begrenzt mit Maßnahmen der Renaturierung. Durch die Zusammenarbeit mit Naturschützern, Geologen und Biologen konnte hier ein neuer Lebens- und Rückzugsraum für heimische Flora und Fauna geschaffen werden.


Baustoff Ziegel
Im Ziegelwerk Bellenberg wird der Ziegel bei hohen Temperaturen gebrannt. Dabei wird das kapillare Wasser aus dem Ton getrieben. Zudem verbrennen im Ton eingeschlossene Porosierungsstoffe vollständig und bilden eine Vielzahl von Mikroluftkammern, die im später gebauten Haus ein optimales Dämmverhalten ermöglichen. Ziegel bestehen aus natürlichen Bestandteilen wie Ton, Lehm, Wasser und Sand. Sie sind schadstofffrei, gesundheitsverträglich und frei von Allergenen.


Über Plan- und Außenwandziegel
Die Ziegelwerk Bellenberg Wiest GmbH & Co. KG steht am Standort Bellenberg seit vielen Jahrzehnten nach Unternehmensangaben für Innovation und Kompetenz in der Ziegelherstellung. Mit zahlreichen Produktentwicklungen sieht sich das Unternehmen unter den treibenden Kräften der deutschen Ziegelindustrie. Haupteinsatzgebiete der Ziegel sind Ein- bis Mehrfamilienhäuser sowie Sozial- und Gewerbebauten in Massivbauweise. Im Dreischichtbetrieb werden Plan- und hochwärmedämmende Außenwandziegel hergestellt. Die wichtigsten Absatzregionen sind Bayerisch-Schwaben, der Großraum Ulm, der Alb-Donau-Kreis, Oberschwaben sowie die jeweils angrenzenden Gebiete.
www.ziegelwerk-bellenberg.de

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