Interview

Ein Start-up von 1899

Vor 120 Jahren entdeckte der 29-Jährige Georg Zapf den Rohstoff, mit dem er den Grundstein für sein Kalksandsteinwerk in Nürnberg legte. Sein Urenkel Dr. Hannes Zapf führt das Unternehmen heute. Zapf und Peter Theissing, Geschäftsführer KS, luden ein zum Interview, einer Werksbesichtigung und einen Rundgang durch das Museum zur Geschichte des Kalksandsteins.

Dr. Hannes Zapf, Gesellschafter Zapf KG (links) und Peter Theissing, Geschäftsführer KS-Original GmbH mit Susanne Frank am Unternehmenssitz der Zapf Werke in Behringersdorf bei Nürnberg. © KS-Original

BGW: Herr Dr. Zapf, wir befinden uns hier am Standort Behringers dorf bei Nürnberg an einem der ältesten Kalksandsteinwerke der Welt, das Ihr Urgroßvater 1899 gegründet hat.
Dr. Hannes Zapf: Richtig. Die Kalksandsteinindustrie feiert heuer ihr 125-jähriges Jubiläum. 1894 wurde das erste Werk in Deutschland in Betrieb genommen. Hier in Behringersdorf waren wir das vierte Werk, das gegründet wurde. Wir sind das einzige Werk von damals, das noch existiert, am alten Standort produziert und die gleiche Gesellschafter-Struktur hat. Wir haben also von den 125 Jahren 120 Jahre mitgestaltet.

BGW: Sie sind der Nachkomme des Gründers Georg Zapf. Erzählen Sie uns kurz, wie es zu der Gründung kam.
Dr. Zapf: Das stimmt, ich führe das Unternehmen in vierter Generation. Mein Urgroßvater war damals 29 jahre alt, als er sich auf den Weg von Oberfranken nach Nürnberg gemacht hat. Vom Zug aus hat er den Rohstoff gesehen, den er gesucht hat, und ist in Behringersdorf ausgestiegen. Das war dann der Anfang.

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Lebhaft diskutiert wurden unter anderem das Nord-Süd-Gefälle beim Marktanteil der verschiedenen Baustoffe und die Förderung des Holzbaus seitens der Politik in Baden-Württemberg und Bayern. © KS-Original

BGW: Normalerweise findet man die Kalksandsteinwerke doch eher im Norden Deutschlands, richtig?
Dr. Zapf: Richtung Norden gibt es eine höhere Dichte an Werken wie auch in Polen und Holland. Interessanterweise gibt es rings um Nürnberg das größte Quarzsandvorkommen in Bayern. Das hängt damit zusammen, dass die kleineren Körner von den Alpen – als die Gletscher geschmolzen sind – weitergerollt sind und im Nürnberger Becken liegen geblieben sind.

BGW: Wie ging es dann damals mit der Gründung weiter?
Dr. Zapf: Damals war Bayern ja ein Königreich. Mein Urgroßvater hat an den königlich-bayerischen Forst geschrieben und konnte dann dieses Grundstück hier erwerben und das Werk errichten.

BGW: Weiß man, was er dafür gezahlt hat?
Dr. Zapf: Insgesamt hat er 255.000 Goldmark ausgegeben für sein Werk.

Der "weiße Stein" ist erst weiß, nachdem er gebrannt wurde. Hier werden die Rohlinge in den Härtekessel geschoben und dort dann acht Stunden lang bei 200° C und 16 bar Druck gehärtet. © KS-Original

BGW: Das klingt nach einer ganz hübschen Summe. Woher hatte er so viel Geld?
Dr. Zapf: Es war damals üblich, dass man sich von anderen Unternehmen Geld geliehen hat. Er hat sich also aus der Porzellanindustrie, der Lederindustrie und natürlich von der ganzen Verwandtschaft in Oberfranken Geld geliehen. Heutzutage würde man es als Start-up bezeichnen, was er da 1899 gegründet hat.

BGW: 120 Jahre ist eine lange Zeit. Dennoch ist der Kalksandstein ja eher der „Jungspund“ unter den Baustoffen. Das Patent stammt von 1880, der Ziegel und auch Beton haben eine längere Geschichte. Es heißt, Ziel sei es gewesen, einen preiswerten Baustoff zu erfinden. Gilt das noch?
Dr. Zapf: Wenn man den Mauerstein an sich nimmt, gehört der Kalksandstein schon zu den preiswerteren Mauersteinen. Die heutigen Wandkonstruktionen müssen natürlich ganz andere Anforderungen erfüllen als 1894. Insofern spielen in der Außenwand die Energiewerte eine Rolle. Es kommt darauf an, was man miteinander vergleicht, Stein oder Gesamtkonstruktionen. In beiden Fällen gehört Kalksandstein zu den kostengünstigen Wandkonstruktionen.

BGW: Wer ist, wenn es um die Entscheidung für einen Baustoff geht, im Wettbewerb Ihr größter Konkurrent?
Dr. Zapf: Die Kalksandsteinindustrie bewirbt sich ja quasi beim Bauträger, beim Architekten, beim Planer oder Bauherren darum, als Wandbildner zu fungieren. Insofern ist jeder Baustoff, der in Frage käme, zunächst mal Wettbewerb. Es geht darum, die Vorteile des Kalksandsteins gegenüber allen anderen Wandbildnern – auch Beton und Holz – darzustellen. Unter den Mauersteinen ist auf jeden Fall der Ziegelstein der größte Wettbewerber.

In dem kleinen Museum auf dem Werksgelände der Zapf-Werke kann man die Geschichte des Kalksandsteins im wahrsten Sinne des Wortes begreifen. Sichtbar wird zum Beispiel die Wandlung hin zu großformatigen Steinen. Dadurch haben sich laut Dr. Zapf (Mitte) die Arbeitszeiten auf der Baustelle halbiert. © KS-Original

BGW: Der Ziegel ist bei Einfamilienhäusern der Marktführer und die Ziegler haben sich zum Ziel gesetzt, mehr Anteile im Mehrgeschoss-Wohnungsbau zu erhalten, wo Sie führend sind...
Dr. Zapf: Es ist so, wie Sie es beschrieben haben. Unter den Mauersteinen hat die Ziegelindustrie ihren Hauptmarkt im Einfamilienhausbau und die Marktanteile fallen regional sehr unterschiedlich aus. Der Kalksandstein hat seinen Hauptabsatz auf jeden Fall im Mehrgeschosswohnungsbau, weil da seine besonderen Stärken zum Tragen kommen: Seine hohe Tragfähigkeit, schlanke Wandkonstruktionen, hoher Schall- und Brandschutz.

BGW: Haben Sie konkrete Zahlen parat?
Dr. Zapf: Die Marktanteile sind in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich. Im Durchschnitt werden 73 Prozent aller neuen Wohnungen in Deutschland aus Mauersteinen hergestellt. Das zeigt, dass Mauerstein im Vergleich zu Beton und Holz der dominierende Wandbaustoff ist.

BGW: Und rein auf den Kalksandstein bezogen?
Dr. Zapf: Dieser hat in Deutschland insgesamt einen Marktanteil von 31 Prozent. Das sind Zahlen aus 2017. In Norddeutschland hat er deutlich höhere Marktanteile als im Süden. Dagegen haben wir in Bayern die höchste Ziegeleidichte in Deutschland. Und weil es neben Ton auch viel Kies gibt, ist im Süden auch die Beton industrie stark.

BGW: Es gibt also so etwas wie ein Nord-Süd-Gefälle?
Dr. Zapf: Das gibt es absolut und zwar heftig. In Baden-Württemberg kommt der Kalksandstein auf 22 Prozent, dagegen auf über 50 Prozent in Nordrhein-Westfalen.

BGW: Wie sehen die Zahlen für den Holzbau aus? Hier spürt man ja gerade einen Boom beziehungsweise in den Medien hört man, Holz sei der „Baustoff der Zukunft“. Ist das so?
Dr. Zapf: Holz hat zur Zeit 12 Prozent Marktanteil in Deutschland. Im Mehrgeschosswohnungsbau spielt das Holz keine Rolle, der Anteil hier liegt bei zwei Prozent. Das hat Brandschutzgründe.

Dr. Hannes Zapf, Inhaber der Zapf-Werke, ist seit einem Jahr Vorsitzender des Vorstands der DGfM. In dieser Rolle nimmt er dann auch mal einen Ziegelstein in die Hand. Nicht wie hier auf dem Werksgelände in Behringersdorf, wo ausschließlich Kalksandsteine produziert werden. © KS-Original

BGW: In einer Radioreportage habe ich kürzlich gehört, dass sich die Holzindustrie folgendes Ziel gesetzt hat: 2050 sollen 50 % aller Häuser aus Holz gebaut sein. Ist das realistisch?
Dr. Zapf: Die Frage ist, wo all das Holz herkommen soll. Es wird viel aus dem Ausland importiert, weil wir nicht über genügend eigene Nadelholzressourcen verfügen. Holzbau ist teurer als Mauerwerksbau, weil er konstruktiv viel komplizierter ist, um die hohen Vorschriften alle zu erfüllen. Es ist vielleicht eine nette Vision der Holzindustrie, aber die Frage ist, wie realistisch das ist, wenn man die Fakten prüft. Wir glauben da nicht dran, ganz klar, als Mauersteiner. (lacht)

BGW: Man liest sehr häufig, Holz sei der nachhaltigste Baustoff. Es fühlt sich toll an. Oder machen die einfach gutes Marketing? Was sagen Sie dazu, Herr Theissing?
Peter Theissing: Es stimmt, dass die Holzindustrie so eine Art Aura aufgebaut hat. Aber wie Dr. Zapf sagte: Wenn man sich mit den Fakten beschäftigt, sieht es anders aus. In Richtung Nachhaltigkeit, muss man fragen, wo kommt das Holz her und mit welchen chemischen Holzschutzmitteln wurde es behandelt. Kalksandstein hingegen ist ein regionaler Baustoff, wird vor Ort produziert, verbaut und ist aufgrund der natürlichen Inhaltsstoffe komplett recycelfähig. Der ganze Lebenszyklus eines Kalksandsteins ist von der Fertigung, wo nur 200 Grad Dampf erzeugt werden müssen, um den Stein zu härten, bis hin zum Recycling absolut nachhaltig.

BGW: Warum sind dann aber auch Planer und Entscheider in öffentlichen Einrichtungen und manchem Rathaus pro Holz?
Dr. Zapf: Im Moment passt das eben in die grüne Welle.

BGW: Aber Sie sagen ja, die Fakten belegen etwas anderes…
Dr. Zapf: Holz hat natürlich auch von politischer Seite Unterstützung. Es gibt Fördermittel, wo sich der Staat quasi selbst fördert, weil der Staat der größte Waldbesitzer in Süddeutschland ist, also in Baden-Württemberg und Bayern. Daher sehen wir das natürlich auch sehr kritisch, dass hier zusätzlich Steuermittel ausgegeben werden, um eine Bauweise einseitig zu fördern.

Theissing: Es gibt ja immer diese Wellen. Jetzt ist es der Holzbau, wo man sich aus Architektursicht profilieren kann. Davor war es jahrelang der Betonbau, wo viel über den Purismus in der Architektur passierte. Was immer eine Kontinuität aufweist, ist der hohe
Anteil von Mauerwerksbau.

BGW: Sie sagen, der Staat bevorzugt die Holzindustrie. Wie können Sie da gegensteuern?
Dr. Zapf: Im Moment ist Bauen vor allem über die Länder definiert. Die Regierung in Baden-Württemberg hat eine Holzbauoffensive gestartet. Da arbeiten wir mit Rechtsanwälten dagegen, weil wir der Überzeugung sind, dass das Land Baden-Württemberg hier gegen Wettbewerbsrecht und EU-Recht verstößt, weil es einseitig mit Steuermitteln den Holzbau versucht zu stützen.

BGW: Welche Ziele haben Sie sich als Kalksandsteinhersteller gesetzt? Wo wollen Sie hin?
Dr. Zapf: Wichtig ist, dass wir der natürliche Baustoff als Kalksandstein bleiben wollen, der wir sind. Weil wir drei natürliche Rohstoffe einsetzen ohne chemische Zusatzstoffe, um auch die Recyclingfähigkeit und die Natürlichkeit zu erhalten. Der Kalksandstein besteht zu 90 % aus Quarzsand, als Bindemittel enthält er 8 % Kalk und ein bisschen Wasser. Alle Innovationen sollen so geschehen, dass dieses Faktum auch erhalten bleibt. Das Zweite ist, dass die Entwicklung großformatiger Kalksandsteine und den Systemen wie KS-Quadro und KS-Plus ein großer Schritt waren, Bauen auch wirtschaftlich zu machen. Die Maurer müssen auch keine Gewichte mehr schleppen, weil die Steine über Versetzhilfen verarbeitet werden. Dies war eine echte Innovationsleistung der Kalksandsteinindustrie. Der nächste Schritt ist der Versuch, vor dem Hintergrund mangelnder Fachkräfte, Wege zu finden, wie man den Mauerwerksbau weiter automatisiert.

BGW: Herr Theissing, was ist Ihre Botschaft nach "draußen"?
Theissing: Wir wollen das Thema der Funktionstrennung nach vorne bringen und die wirtschaftlichen Vorteile der KS-Bauweise aufzeigen. Angesichts der Wohnungssituation heute können wir wirtschaftliche und kostengünstige Lösungen liefern, um den dringend benötigtem Wohnraum zu schaffen.

BGW: Welche Vorteile hat die funktionsgetrennte Wand?
Theissing: Der Aufbau der Außenwand erfolgt in Bauteilschichten. Man hat zum einen die tragende Schicht aus Kalksandstein, die eine hohe Tragfähigkeit sowie Schall- und Brandschutz bietet. Die wärmedämmende zweite Schicht übernimmt ein Dämmsystem, zum Beispiel Mineralwolle. Die dritte Schicht bildet die Fassade. Der Vorteil dabei ist, dass man jede Schicht unabhängig voneinander optimieren kann. Und wenn es zum Rückbau kommt, können diese Schichten wieder getrennt werden. Anders als bei verfüllten Ziegeln, bei denen die Dämmung in den Löchern sitzt. Die bekommt man nicht mehr so einfach raus.

BGW: Herr Dr. Zapf, Sie sind nicht nur Geschäftsführer der Zapf-Werke, sondern auch der Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau…
Dr. Zapf: Richtig. Die DGfM ist der Dachverband für alle, die mit Mauerwerk zu tun haben.

BGW: Und Sie sind dann ein „neutraler“ Verfechter von allen Mauerwerksbaustoffen?
Dr. Zapf: Ja, wenn ich für die DGfM tätig bin, bin ich das. Da geht es darum, die Vorteile des Mauerwerksbaus gegenüber den anderen Wandbildnern – Beton, Holz, Glas, Stahl – zu positionieren.

BGW: Sie argumentieren also auch mal pro Ziegel?
Dr. Zapf: Natürlich. Ich habe kein Problem damit, auch mal einen Ziegelstein in die Hand zu nehmen. (lacht)

BGW: Was ist Ihre Hauptaufgabe?
Dr. Zapf: Als technischer Verband machen wir Normungsarbeit und versuchen, an Gesetzgebungsverfahren mitzuarbeiten. Wir versuchen, in der Öffentlichkeit das Bewusstsein zu schaffen, dass kostengünstiger Wohnungsbau ohne Mauerwerk nicht vorstellbar ist. Über Lobbyarbeit in der Politik und über Medien.

BGW: Sie selbst, nehme ich an, wohnen in einem Haus aus Kalksandstein?
Dr. Zapf: Ich wohne natürlich in einem Haus aus Kalksandstein. Dieses wurde 1901 von meinem Urgroßvater gebaut. Mit 50 cm dicken Wänden.

BGW: Das immer noch weiß ist?
Dr. Zapf: Es ist natürlich nicht mehr ganz weiß. Teile des Hauses sind aus Kalksandsteinen der zwanziger Jahre, die tiefrot eingefärbt sind. Aber es ist noch nie renoviert worden. Daran sieht man, wie langlebig Kalksandstein ist.

BGW: Herr Dr. Zapf, Herr Theissing, vielen Dank für das Gespräch!

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