Meilensteine

Zeitreise im Zeitraffer

Welche Meilensteine prägten die Geschichte des Baugewerbes nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute? Robert Otto lässt die Jahre nach 1949 Revue passieren und zieht ein optimistisches Fazit.

Yumbo-Hydraulikbagger (Bild ca. 1955) waren die weltweit ersten hydraulischen Maschinen. Nach und nach wurde diese Baggerart betriebssicherer und größer und verdrängten die herkömmlichen Seilbagger von den Baustellen. © Werkfoto-Archiv Ulf Böge

Der Versuch, „den“ oder „die“ Meilensteine im genannten Zeitraum zu definieren, ist schier aussichtslos. Zu vielfältig sind die Entwicklungen, zu umfangreich die technischen Veränderungen und zu breit gefächert die Vorgaben aus Politik und Gesetzgebung. Doch gibt es eine Konstante, die sich seit 1949 bis heute und mit Sicherheit auch in Zukunft als roter Faden durchzieht: Der Mensch. Und ein weiterer Punkt sollte in der Betrachtung eine zentrale Rolle spielen: der Wohnungsbau. Aus den Ruinen, die im Jahr 1945 das Bild bei nahe aller deutschen Großstädte prägten, wurden in verhältnis mäßig kurzer Zeit wieder Orte des Wohnens und des Arbeitens. Der Begriff Wiederaufbau wurde damit zum Synonym dieser Epoche.

Wachstumssprung in den 50ern
In den Jahren 1950 bis 1963 nimmt die Industrieproduktion real um 185 Prozent zu. Die „Frühjahrsschau für Baumaschinen“, so der Titel der ersten bauma 1954 in München, zog 8.000 Besucher auf die Theresienhöhe, dem damaligen Veranstaltungsort. Keine 60 Aussteller präsentierten ihre Produkte auf einer Gesamtbruttofläche von rund 20.000 m². Eine Fläche, die heute allein der Größte als einer von mehr als 3.400 Ausstellern der 32. bauma im April 2019 belegte. In diesen Jahren gibt es genügend Arbeitskräfte, die zahlreichen Vertriebenen und Flüchtlinge konnten beim Aufbau der Wirtschaft gut eingesetzt werden. Bis in die frühen achtziger Jahre hinein waren über zwei Millionen Menschen in den Betrieben des Baugewerbes beschäftigt. Eine Aufholjagd setzte auch im Ausbau der Infrastruktur ein, denn die zunehmende Mobilität der Menschen verlangte nach Straßen und Autobahnen. 1954 rollte bereits der 600.000ste VW-Käfer vom Band. Die Bundesregierung beschloss ein zehnjähriges Straßenbauprogramm in Höhe von 23 Milliarden DM, um den Erdbau, Tief- und Straßenbau anzukurbeln.

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Menck-Seilbagger (1956) gehörten mit zu den ältesten Baumaschinen aus Deutschland. © Werkfoto-Archiv Ulf Böge

Motorkraft auf der Baustelle
Sogenannte Scraper kamen in den 50er und 60er-Jahren immer öfter zum Einsatz. Zwei Jahrzehnte lang gehörten sie zu den Geräten, die auf deutschen Autobahnen in dieser Zeit Millionen Kubikmeter bewegten. Dagegen waren Radlader und Hydraulikbagger in den 1960er Jahren noch eine Seltenheit. Als die ersten knickgelenkten Radlader Einzug hielten, mussten die Fahrer noch im Freien arbeiten – ein Fahrerhaus war zu dieser Zeit nicht vorgesehen.

Die Ölkrise und und ihre Folgen
Die Ölkrise in den 70er Jahren wirkte sich auch auf die Baustellen der Republik aus. Es folgte ein Baustopp für Autobahnen. Die Einschränkung der Ölfördermengen sowie die gravierende Anhebung der Rohölpreise setzten den Bürgern und der Wirtschaft zu und die Bundesregierung reagierte darauf unter anderem mit Sonntags-Fahrverboten.

Schmiedag-Kleinraupen (Bild ca. 1956) gehörten schon in den 1950er Jahren zu den ersten Kompaktmaschinen. Der Arbeitskräftemangel der Nachkriegszeit war zum Teil der Grund für deren große Verbreitung. © Werkfoto-Archiv Ulf Böge

Abschwung und Veränderung in den 70er Jahren
Die Entwicklung der siebziger Jahre fiel zusammen mit einem raschen technologischen Wandel, der geprägt war von dem Vordringen der „Neuen Technologien“. Dazu zählte die Roboter- und Sensortechnik, Gen- und Biotechnologie, Verbundwerkstoffe, Recyclingverfahren, computergestützte Konstruktion und Fertigung, Telekommunikation und Mikroelektronik. Im Gegensatz zu den ressourcenintensiven Neuerungen der beiden vorhergehenden Jahrzehnte zeichneten sich die neuen Technologien dadurch aus, dass sie Einsparungen an Material, Energie, Arbeit und Kapital ermöglichten.

Das Ende einer Epoche
Die wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Bundesregierung waren Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre vor allem auf Senkung der Staatsverschuldung, die steuerliche Entlastung der Unternehmen und der höheren Einkommen ausgerichtet. Ergänzend standen die Reduzierung der staatlichen Ausgaben für sozialpolitische Zwecke und die Bekämpfung der Inflation im Fokus. Der Mauerfall am 9. November 1989 markierte das Ende einer Epoche. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands kam ein enormer Baubedarf auf, der sich in allen Bereichen der Bauwirtschaft niederschlug.

Kaelble-Radlader (Bild ca. 1961) zählten in den 1950er Jahren zu den größten in Europa. Diese Art der Baumaschinen war damals neu und wurde von Amerika nach Deutschland eingeführt. © Werkfoto-Archiv Ulf Böge

Wiedervereinigung und Aufbau Ost
In Westdeutschland löste der Mauerfall einen regelrechten Boom aus. Mit den Jahren wurden, insbesondere im Hoch- und im Autobahnbau, immer häufiger Baumaßnahmen als PPP-Modelle realisiert. Denn die Kassen waren klamm – die Investitionen in Infrastruktur bewegten sich zeitweise auf dem niedrigsten Stand seit Bestehen der Bundesrepublik. Dabei gab es jede Menge Bauaufgaben zu realisieren. Straßen, Brücken oder der Kanalisation ging und geht es seit Jahren an ihre Substanz.

Innovationsschub
In den 90er Jahren kamen die ersten Baumaschinen mit elektronischen Assistenzsystemen zum Einsatz. Dank großer Fortschritte in Elektronik, Mess- und Regelungstechnik verzeichneten die 2D- und 3D-Maschinensteuerungen enorme Entwicklungsschübe, denn die Vorteile, die sich durch diese Technologie ergeben, waren und sind breit gefächert.

Hatra-Gummiradwalzen (1964) wurden zur Verdichtung moderner Straßenbaumaterialien eingesetzt. © Werkfoto-Archiv Ulf Böge

"Wir sind der Bau":
Zusammenspiel von Mensch und Technik
1949 bis heute – unglaublich viel hat sich in diesem Zeitraum in der Entwicklung der Baumaschinen bewegt. An Veränderungen wie GPS, Telematik, Maschinensteuerungen und an Dieselabgase, die von Schadstoffen nahezu befreit sind, hätte damals niemand zu denken gewagt. Elektronik, Datenübermittlung und Automation werden in noch stärkerem Maße als bisher Einzug in Maschinen aller Art und Größe halten. Faszinierende Ausblicke in die Zukunft bieten sich durch neue Konstruktionsmethoden und innovative Werkstoffe, durch die wichtige Komponenten und Baugruppen je nach Anforderungen leichter, verschleißfester, dünnwandiger und stabiler zu gestalten sind. Nicht explizit betrachtet, sollten aber exemplarisch einige weitere Wirtschaftszweige erwähnt werden, ohne die das Bauhauptgewerbe nicht funktioniert hätte oder funktionieren würde: die Fahrzeug- und Baumaschinenhersteller – denn ohne Bagger, Lkw und Sattelkipper bewegt sich auf dem Bau nichts. Ein Faktor wird aber auch weiterhin konstant bleiben: unverändert ist es der Mensch, der an der Spitze der Bauwirtschaft stehen wird. Ob als Bediener in einem virtuellen Cockpit oder als Entscheider auf der Baustelle, als Macher oder Nutznießer. Fachwissen, Innovation und die Leistungsfähigkeit einer gesamten Branche wird seit jeher von Menschen getragen – und das ist gut so!


Stellenwert des Baugewerbes
Ein wichtiger Wirtschaftszweig
Mit fast zwei Millionen Beschäftigten ist das Baugewerbe ein wichtiger Wirtschaftszweig der deutschen Volkswirtschaft. Er ist eng mit vielen anderen Branchen und Handwerkszweigen verknüpft. Die großen wirtschaftspolitischen Themengebiete wie Energie und Klima, Digitalisierung und Fachkräftebedarf betreffen die Bauwirtschaft direkt. Rund zehn Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts werden für Baumaßnahmen verwendet, gleichzeitig erbringt das Baugewerbe fast fünf Prozent der gesamten Wertschöpfung in Deutschland. 2018 erzielte das deutsche Bauhauptgewerbe einen Umsatz in Höhe von geschätzten 127 Milliarden Euro. Wesentlich getragen wird die Nachfrage vom Wohnungsbau, aber auch Gewerbebau und Vorhaben der öffentlichen Hand, etwa im Infrastrukturbau, entwickeln sich positiv. Die Dynamik im Wohnungsneubau hat 2019 begonnen nachzulassen, energetische Sanierungen und Modernisierungen im Gebäudebestand rücken dafür momentan in den Vordergrund.

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