Auftragsvergabe

Karl-Heinz Strauss, CEO der PORR AG,

Die Chancen des Bestbieterverfahrens

Die deutsche Bauindustrie leidet unter einem Image-Problem: Wenn die Kosten komplexer Mammut-Projekte aus dem Ruder laufen, haben in aller Regel die beteiligten Bauunternehmen den Schwarzen Peter. Schnell wird der Bauindustrie dann mangelnde Leistungsfähigkeit und Verlässlichkeit attestiert. Die Faktenlage ist dabei eine ganz andere.

Alles aus einer Hand: Bei den Bavaria Towers (München) umfasste der Leistungsumfang der PORR neben schlüsselfertiger Errichtung auch Generalplanerleistungen der PORR Design & Engineering, die Beratung, die Objekt- und Fachplanung, Mieterausbau und -management sowie Leistungen zur Erlangung der LEED-Gold-Zertifizierung. © PORR AG

Denn deutlich über 95 Prozent aller hiesigen Bauprojekte werden problemlos innerhalb des ursprünglich vereinbarten Zeit- und Kostenrahmens realisiert und zur Zufriedenheit aller Beteiligten übergeben. Dennoch existieren erhebliche Verbesserungspotenziale bei der Realisierung großer Bauvorhaben, insbesondere der öffentlichen Hand. Und hier sind wir als Bauunternehmen gefordert, unsere Prozesse zu verbessern und die Effizienz zu erhöhen. Dabei müssen sich aber auch die Rahmenbedingungen bei den Auftraggebern verändern, beispielsweise die Vorplanungsstufen deutlich vertieft werden.

Bestbieterprinzip beinhaltet bedeutende Qualitätskriterien
Es sind besonders die prominenten Infrastrukturbauten wie der BER-Flughafen Berlin und das Bahnprojekt Stuttgart 21 oder die prestigeträchtige Elbphilharmonie, die das Branchenimage in der Öffentlichkeit prägen. Dabei werden die Bauunternehmen häufig zu Unrecht wegen angeblicher Kostenexplosionen an den Pranger gestellt, denn die Hauptursache von Problemen sind überwiegend unrealistische Budgets. Es ist leider die gängige Praxis, dass der Preis für die Auftraggeber das ausschlaggebende Kriterium für die Auftragsvergabe darstellt und die übrigen Zuschlagskriterien zu wenig Gewichtung erfahren. Im Gegensatz zu dem Billigstbieterprinzip, in dem ausschließlich der Preis entscheidet, fließen beim Bestbieterprinzip auch bedeutende Qualitätskriterien in die Entscheidung ein. Darunter verstehe ich beispielsweise technische Lösungen zur Bauzeitverkürzung oder zur Minimierung von Risiken, das Logistikkonzept oder die Wiederverwertung von Ausbruchsmaterial. Eine stärkere Vergabepraxis nach dem Bestbieterprinzip hätte erhebliche Vorteile für Bauzeit, Qualität und in Folge auch auf der Kostenseite. Ein weiterer bedeutender Faktor, der meines Erachtens viel zu sehr unberücksichtigt bleibt, ist der verpflichtende Nachweis der kaufmännischen Leistungsfähigkeit aller Bieter. Dies ist essentiell für den Erfolg vor allem großer Bauvorhaben.

Anzeige

Reformbedürftiges Vergabesystem
Grundsätzlich ist das deutsche Vergabesystem besser als sein Ruf, aber es bleibt reformbedürftig. Vor allem sind wir in Deutschland bei der Realisierung großer Infrastrukturprojekte viel zu langsam. Ich nenne nur das Beispiel Stuttgart21. Im Jahr 1994 wurde der Öffentlichkeit von den damals verantwortlichen politischen Entscheidungsträgern das zukunftsweisende Großprojekt erstmals vorgestellt. Heute schreiben wir das Jahr 2019. Und wenn ein Vierteljahrhundert nach der Präsentation der Idee immer noch keine Züge unter Stuttgart hindurchrollen, dann stimmt etwas nicht. Allein von der Projektvorstellung bis zum Abschluss der Finanzierungsvereinbarung 2009 sind 15 Jahre vergangen. Wenn Terminpläne derart ausufern, dann darf man sich nicht wundern, dass auch die Kosten entsprechend steigen. Ein weiteres Problem verbirgt sich im Übrigen hinter unpräzisen Formulierungen bei der Bauaufgabenstellung. Es muss sichergestellt sein, dass nicht verdeckte Risiken auf den Auftragnehmer überwälzt werden.

Karl-Heinz Strauss. © Astrid Knie

Digitalisierung sorgt für Planungssicherheit und Transparenz
Ein Projekt von PORR für BMW in München hat gezeigt, dass es auch anders geht: Der ursprüngliche Entwurf des Architekten für ein Bürogebäude, das 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Platz bietet, überstieg das Budget um zehn Millionen Euro. Mittels Value Engineering wurden Optimierungspotenziale identifiziert, so dass der vorgegebene Kostenrahmen eingehalten und zudem der Zeitplan um sechs Monate unterschritten werden konnte. Ein Erfolgsfaktor war die partnerschaftliche Bestleistung aller Projektbeteiligten.

Erfreulicherweise hat die Politik die Defizite erkannt und arbeitet mit Hochdruck an Lösungen. So kommt ein von der Bundesregierung erstelltes Gutachten zu dem Ergebnis, dass Infrastrukturvorhaben deshalb so lange dauern, weil Planungs-, Genehmigungs- und Planfeststellungsverfahren viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Deshalb sollten die Chancen der Digitalisierung konsequent genutzt werden. Denn dies schafft auch gegenüber den Auftraggebern hohe Planungssicherheit und maximale Transparenz. Dabei sind Lean Construction und BIM mehr als Schlagworte, sondern bei PORR bereits heute gelebte Praxis, um durch verschlankte Prozesse die Wertschöpfung signifikant zu erhöhen. Deshalb war es ein wichtiger Schritt der Bundesregierung, BIM ab 2020 bei allen neu zu planenden Infrastruktur projekten als Standard festzulegen. Zudem werden zusätzliche finanzielle Mittel für die Einführung der BIM-Methodik auf Bauherrenseite bereitgestellt. So sind sehr fundierte Schwachstellenanalysen schon in der Entwicklungsphase mit Risiko- und Kosten minimierung möglich.

Bereits 2015 hat die Reformkommission „Bau von Großprojekten“ Empfehlungen ausgesprochen und deren Umsetzung initiiert. Beispielhaft möchte ich die frühzeitige Einbindung der Baupartner mit dem Stichwort „Kooperatives Planen im Team“ nennen. Eine weitere erhebliche strukturelle Verbesserung ist die Aufhebung der strikten Trennung von Planung und Ausführung durch „integrierte Projektabwicklung mit Mehrparteienverträgen“. Das Ziel dieses innovativen Ansatzes besteht im Systemwechsel und Kulturwandel für die Realisierung komplexer Bauvorhaben. Alle diese Beispiele zeigen, dass die Problemlage von den Entscheidungsträgern zumindest erkannt wird. Es wurden auch schon entsprechende Schritte eingeleitet. Somit besteht die berechtigte Hoffnung, dass die beschlossenen Maßnahmen und künftige Ausschreibungen nach dem Bestbieterverfahren zu einer signifikanten Kosten- und Terminverbesserung führen. Ich prognostiziere: Auf diese Weise lassen sich in Zukunft selbst hochkomplexe Infrastrukturvorhaben innerhalb der vorgegebenen Zielmarken realisieren.

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Halbjahreszahlen

PORR meldet Rekord-Auftragsbestand

Der Rekord-Auftragsbestand von PORR von 7,6 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2019 sichert Vollauslastung für die Zukunft. Der Konsolidierungskurs führt zu einem moderaten Anstieg der Produktionsleistung von 1,6 % auf EUR 2.497 Mio.

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Personalie

Führungskraft aus den eigenen Reihen

Daniel Rohloff leitet seit Januar die Zeppelin-Niederlassung in Ulm. Er kann auf rund zehn Jahre Erfahrungen im Vertrieb von Investitionsgütern, insbesondere aus dem Segment Recycling bauen und folgt damit auf Willi Krah.

mehr...

EU-Entsenderichtlinie

Was die Reform bedeutet

Künftig sollen für entsandte Arbeitnehmer europaweit die gleichen Lohnbedingungen wie für einheimische Arbeitnehmer gelten. Was sich für Bauunternehmen ändert und welche Probleme bleiben, verrät Dr. Axel Boysen.

mehr...

Newsletter bestellen

Immer auf dem Laufenden mit dem Baugewerbe Unternehmermagazin Newsletter

Aktuelle Unternehmensnachrichten, Produktnews und Innovationen kostenfrei in Ihrer Mailbox.

AGB und Datenschutz gelesen und bestätigt.
Zur Startseite