Finanzen

Wider die „Bequemlichkeitspauschale“

Rund 572.000 Fahrzeuge umfassen die Fuhrparks deutscher Bauunternehmen. Bei Neuanschaffungen beträgt die aktuelle Leasingquote zurzeit etwa 66 %. Einen großen Anteil haben sogenannte „Full-Service-Verträge“ mit fester Laufzeit und Kilometerabrechnung. Damit leisten sich viele Unternehmen den Luxus unangemessen hoher Kosten. Der freie Journalist Manfred Godek hat zu diesem Thema recherchiert. Hier sein Plädoyer gegen das „All-inclusive-Leasing“-Modell.

Foto: panthermedia.net/BiggimoT
Foto: panthermedia.net/BiggimoT

In den Fuhrparks deutscher Unternehmen stehen etwa 245.000 Pkw, 299.000 Lkw und 12.100 Zugmaschinen. Viele Unternehmen – auch im Baugewerbe – vereinbaren sogenannte „Full-Service-Verträge“. Die Spitzke-Gruppe, einer der europaweit größten Bahninfrastrukturspezialisten, gehört nicht dazu. Bei dem Unternehmen mit Holdingsitz in Berlin gilt schon seit einigen Jahren die Linie, auf Leasing tunlichst zu verzichten – sowohl im Nutzfahrzeug- als auch im Pkw-Fuhrpark. Vor allem Full-Service-Pakete bieten in den Augen des Managements keine hundertprozentigen Lösungen. Um Tankkarten etwa, Reifen oder Versicherungen kümmere man sich am besten selbst. Allein weil die Rückgabeschäden bzw. „deren Berechnung ein unkalkulierbares Risiko darstellten, sollte im Nutzfahrzeug nicht geleast werden“, so Michela Kuban. „Das Paket Wartung und Verschleiß hat selbst bei Herstellerleasing keinen Vorteil“, lautet das vernichtende Urteil der Leiterin Fuhrpark der Spitzke SE.

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IFRS 16

Nach IFRS 16 müssen kapitalmarktorientierte Unternehmen ab dem Geschäftsjahr 2019 sämtliche Leasingverbindlichkeiten in ihren Rechnungsabschlüssen als Schulden ausweisen. Es sind jeweils Nutzungsrechte und anteilige Verbindlichkeiten zu bilanzieren. Ergänzende Dienstleistungen wie Wartung-, Reifen- oder Versicherungen verbleiben dagegen in der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV). Beide Bereiche sind voneinander zu trennen.

All-inclusive versus aktives Kostenmanagement

Das Unternehmen betreibt aktives Kostenmanagement statt eine „Bequemlichkeitspauschale“ zu entrichten. So jedenfalls tituliert Tatjana Afeld, strategische Einkäuferin beim Beschaffungsdienstleister Kerkhoff Negotiate & Contract GmbH, die Monatsrate bei einem Full-Service-Leasing. Das Modell ist vielen Fuhrparkleitern äußerst beliebt, denn es enthält neben der Finanzierungsrate zusätzliche Dienstleistungen wie Werkstattaufenthalte, das Reifenmanagement oder die Verwaltung der Kfz-Steuer und der Versicherungen. Auf dieser Basis lässt sich leicht ein Jahresbudget kalkulieren und die eigenen Mitarbeiter werden entlastet. Die Kehrseite der Medaille: Das Kostenmanagement ist zum Nichtstun verdammt. Man weiß nicht, wie die einzelnen Komponenten Finanzierung, Restwert, Risikoaufschlag und die ergänzenden Services kalkuliert sind und hat dementsprechend keine Möglichkeit, Marktvergleiche anzustellen und durch Cost-Engineering Einsparungen zu realisieren. Im Gegenteil: Durch versteckte Margen der Leasing- und Servicegeber entstünden hohe Kosten, weiß Tatjana Afeld. Viele Fuhrparkleiter nehmen das in Kauf, weil ihre dünne Personaldecke und oftmals wenig leistungsfähige IT ein professionelles Fuhrparkmanagement nicht zulässt.

Es kostet Mühe, nachzurechnen

Maschinenfuhrpark
Nicht immer sind die Kosten transparent, wenn man den Maschinenfuhrpark mit einem Full-Service-Vertrag geleast hat. Foto: shutterstock.com/Sarin Kunthong

Majk Strika, Geschäftsführer von ARI Fleet Germany, der deutschen Tochter einer US-amerikanischen Fuhrparkmanagement-Gesellschaft wählt einen pointierteren Vergleich. „Es ist wie bei einem teuren Pauschalurlaub. Zwischen den Einzelkosten für Flug, Transfers, Hotel, Gastronomie und sonstigen Leistungen und dem Preis der Reisegesellschaft liegen oft Welten. Die Mühe, nachzurechnen macht sich natürlich niemand – denn Urlaub ist nur einmal im Jahr. Leasing dagegen ist jeden Tag.“

Bei einem separaten Einkauf der einzelnen Leistungsbausteine mit dem Handwerkszeug eines professionellen Beschaffungsmanagements ließen sich nach Benchmarkvergleichen von ARI Fleet bei den Werkstatt- und sonstigen Dienstleistungen sowohl bei Pkw als auch bei Nutzfahrzeugen 5 bis 10 % der Kosten einsparen. Gleiches gilt bei der Wahl des Finanzierungsmodells. Mit einem Full-Service-Leasing ist in der Regel ein Kilometervertrag mit fester Laufzeit verbunden. Im Fachjargon heißt dieses Modell „Closed-End“-Vertrag. Dieser enthält eine Reihe versteckter Kosten, wodurch die „feste Rate“ schnell zu Makulatur wird. Die kostenoptimierende Alternative ist ein „Open-End“-Leasingvertrag, bei dem das Fahrzeug ohne Zusatzgebühren flexibel genutzt werden kann und der Leasingnehmer am Ende auch vom Wiederverkaufserlös profitiert. Majk Strika von ARI Fleet: „Dieses vollkommen kostentransparente Modell wird von uns in Nordamerika bereits seit über 40 Jahren erfolgreich eingesetzt.“ Durch die Umstellung auf ein Realkosten-bezogenes Open-End-Modell ließen sich noch einmal 7 bis 10 % Kosten einsparen.

Die Vertragsmodelle im Vergleich

„Closed-End-Leasingvertrag“ heißt der Kilometervertrag im Fachjargon, was bedeutet: Er hat vorgegebene Zeit- und Laufleistungsparameter; jede Änderung kostet zusätzlich. Viele Leasinggesellschaften berechnen für Mehrkilometer bis zu 50 Prozent mehr als sie für Minderkilometer erstatten. Bei einer Laufzeitanpassung fallen Gebühren an. Viele gewerbliche Leasingnehmern nutzen ein Fahrzeug stillschweigend länger als vereinbart. In diesem Fall wird die Rate in gleicher Höhe weiterbezahlt, obwohl diese neu kalkuliert werden müsste. Zudem wird das Fahrzeug nach Vertragsende oft mit Gewinn verkauft. Gleichwohl werden dem Kunden „Rückgabeschäden“ für jede noch so kleine Schramme in Rechnung gestellt. Der „Open-End-Leasingvertrag“ ist eine Variante, die neu auf dem deutschen Markt ist und von der Firma ARI Fleet angeboten wird. Laut dem Fuhrparkmanagement-Anbieter ist dieser Vertrag eine kostengünstigere Alternative. Die Finanzierungsdauer wird der Nutzung flexibel angepasst. Bei Vertragsende ist allein der erzielte Verkaufserlös die Basis der Endabrechnung, egal wie viele Kilometer auf dem Tacho stehen oder welche Gebrauchsschäden das Fahrzeug aufweist.

Mehr Transparenz und Vergleichbarkeit

Neue Bilanzierungsvorschriften, die „IFRS 16“, geben der Diskussion über einen Modellwechsel beim Leasing Nahrung. Sie betreffen zwar nur international aufgestellte kapitalmarktorientierte Unternehmen. Profitieren können davon allerdings alle Firmen, gleich welcher Größe und Rechtsform. „Die neuen Regeln können zu einem echten Paradigmenwechsel führen, indem undurchsichtig gekoppelte Full-Service-Verträge durch kostengünstigere Einzelverträge ersetzt werden“, so Dr. Friedrich Thießen, Professor für Finanzwirtschaft und Bankbetriebslehre an der TU Chemnitz. Es steht zu erwarten, dass die Leasingwirtschaft entsprechende Produkte auf den Markt bringt, von denen auch die große Zahl der HGB-Bilanzierer profitiert, etwa die Rhomberg-Gruppe, zu der auch die Bielefelder Goldbeck GmbH gehört. „Rhomberg bilanziert aktuell nicht nach IFRS. Nichtsdestotrotz verfolgen wir die Entwicklungen natürlich mit Interesse. Und für uns als Kunden sind die neuen Regeln durchaus positiv, da sie Transparenz und Vergleichbarkeit gewährleisten und uns keinen Mehraufwand bescheren würden,“ sagt Christoph Hintringer, Teamleiter Rechnungswesen.

Hin zum individuellen Flottenmanagement

Eine Kostentransparenz etwa von Verschleißen, Wartungsbedarfen oder Schäden schafft wiederum die Voraussetzungen für ein aktives, firmenindividuelles Flottenmanagement. Betriebsspezifische Lösungen gibt es nicht von der Stange. Auch eine integrierte Steuerung der meistens separat verwalteten Pkw, Nutz- und Sonderfahrzeugen würde möglich. Synergie- und Einspareffekte ergäben sich nach Erfahrung von Michela Kuban von Spitzte SE durch einheitliche Prozesse, flexibel einsetzbare, mit allen Vorgängen vertraute Mitarbeiter, einheitliche Lieferanten und Rahmenverträge über alle Fahrzeuge.

Manfred Godek

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