Coreum-Chef Hickmann im Interview

„Vielfalt ist unsere Stärke“

Ende Oktober 2018 nahm das Coreum in Stockstadt am Rhein seinen Betrieb auf – seitdem hat sich die Plattform der Baubranche rasant entwickelt und wird mittlerweile von mehr als 50 Unternehmen als Treffpunkt genutzt. Zeit für eine Zwischenbilanz, die Geschäftsführer Björn Hickmann im Interview mit Baugewerbe-Chefredakteur Martin Schrüfer zieht.

© Coreum

Baugewerbe: Das Coreum behauptete bei seinem Start selbstbewusst, „nicht weniger sein zu wollen als der zentrale Treffpunkt der Branche“. Mission erfüllt, nach nunmehr drei Jahren?

Björn Hickmann: Wir sind auf dem Weg dahin.

BGW: Wie viel Weg davon ist geschafft?

Hickmann: Mehr als 50 Prozent, da die Branche in den ersten zweieinhalb Jahren das Konzept wirklich angenommen hat. Aber natürlich gibt es noch Optimierungspotenzial.

BGW: Was waren in Ihren Augen die Meilensteine seit der Eröffnung?

Hickmann: Die Integration der Partner, die Optimierung der Demobaustellen im Außenbereich und die weiteren Investitionen in die Intrastruktur und den Hotelbau.

BGW: Wann wird das Hotel fertig?

Hickmann: Ende 2022.

BGW: Inwieweit hat die Corona-Pandemie Ihnen die Pläne generell verhagelt oder verkompliziert?

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Hickmann: Verkompliziert auf alle Fälle im Bereich der Eventgastronomie, hier sind die Zahlen gegen null gelaufen. Bei der Zahl der Partner hat uns die Pandemie, wenn Sie so wollen, geholfen. Viele Unternehmen haben ein Medium gesucht, mit dem sie dennoch mit Interessenten und Kunden in Kontakt bleiben können. Das hat uns beflügelt.

BGW: Das überrascht mich zu hören.

Hickmann: Ja, wir haben während der Pandemie ohne aktive Akquise zehn neue Partnerunternehmen für uns gewinnen können. Das Coreum wurde für viele Hersteller zur Option. Natürlich mussten sich alle zu Beginn der Pandemie erstmal schütteln und mit sich selbst beschäftigen. Doch dann hat die Branche die Ärmel hochgekrempelt und nach Lösungen gesucht. Wir haben Partner vom Mittelstand bis zum Konzern, was mich besonders freut. Praktisch betrachtet hatte das Coreum genau zwei Wochen komplett geschlossen während dem Lockdown, dann ging es mit Kleingruppen weiter.

BGW: Wie viele Besucher kamen seit der Eröffnung 2018 ins Coreum?

Hickmann: Im ersten Jahr waren es 20.000 bis 25.000 Besucher, was uns sehr überrascht hat, da wir zunächst mit der Fertigstellung des Baus und der Außenanlagen voll beschäftigt waren. 2020 hatten wir rund 10.000 Besucher, 2021 wird die Zahl wieder nach oben gehen. Wir müssen und wollen uns für jeden Besucher Zeit nehmen und ihn beraten und keine Massenveranstaltung werden, auf der die Besucher allein über das Gelände laufen. Das sieht unser Konzept nicht vor. Das limitiert uns an einigen Stellen. Wir haben keine quantitativen Ziele, was diesen Aspekt angeht. Veranstaltungen mit 1.000 bis 1.500 Besuchern am Tag sind für uns gut handhabbar, auch wenn wir hier locker 5.000 oder 8.000 Leute durchschleusen könnten.

BGW: Hat jeder Besuch eine Art Betreuer?

Hickmann: Wir haben Mitarbeiter für die Führungen und Fachberater aus der Branche. Dito Maschi- nisten für die Fragen zur Maschinentechnik. Die allermeisten unserer Besucher kommen angemeldet. Es ist ja auch wichtig, die Szenarien vorzubereiten. Wenn zum Beispiel jemand sehen, verstehen und ausprobieren möchte, wie unterschiedliche Manipulatoren funktionieren, ist draußen alles vorbereitet.

BGW: Wie lange binden sich Partner-Unternehmen an das Coreum?

Hickmann: Mindestens drei Jahre. Wir streben nach langfristigen Partnerschaften.

BGW: Was muss ein Partner leisten? Hier im Coreum ein Poster an die Wand zu hängen, reicht ja nicht …

Hickmann: Wir haben eine Erwartungshaltung: Der Partner muss die Idee des Coreum als Plattform verstanden haben. Dann soll er hier regelmäßig Schulungen, Vorführungen oder Händlertagungen stattfinden lassen. Wir können das nur als „Soll“ formulieren, führen aber diesbezüglich Jahresgespräche. Sprich, das Gelände muss aktiv bespielt werden. Bei Sonderausstellungen oder Videodrehs, um nur einige Beispiele zu nennen. Hierher zu kommen und nur eine Maschine abzustellen, reicht nicht (schmunzelt). Des Weiteren freuen wir uns auch, wenn Mitarbeiter des Unternehmens hier an mehreren Tagen pro Woche vor Ort sind, um die Kunden zu beraten.

BGW: Haben das alle Ihre Partner von Anfang an verstanden?

Hickmann: Nein (lacht). Auch wir mussten lernen, da es nichts Vergleichbares gab bisher.

BGW: Insofern macht es natürlich Sinn, dass neben dem Coreum gerade auch ein Bürogebäude mit rund 200 Arbeitsplätzen entsteht. Wann wird dieses fertig?

Hickmann: Im Frühjahr 2022. Wenn ein Unternehmen will, kann es dort einen Platz für seine Mitarbeiter anbieten. Wir werden auch flexible Arbeitsplätze tageweise anbieten. Der Vorteil dadurch ist, dass wir unseren Gästen einen weiteren Mehrwert bieten, indem sie sich noch intensiver von den jeweiligen Coreum-Partnern hier vor Ort beraten lassen können.

BGW: Haben Sie für die möglichen Partner-Unternehmen Baustein-Verträge mit verschiedenen Leistungen oder werden diese individuell gestaltet?

Hickmann: Zu 100 Prozent individuell, da jedes Unternehmen das Coreum etwas anders nutzt.

BGW: Trägt sich das Coreum finanziell selber – oder, anders gefragt, muss es sich tragen?

Hickmann: Es trägt sich seit dem ersten Jahr, weil wir ein funktionierendes Geschäftsmodell integriert haben. Das ist wichtig, um weitere Investitionen tätigen zu können.

BGW: Wie viel wird in den kommenden Jahren investiert?

Hickmann: 30 Millionen Euro für Messe-Park, Hotel und Bürogebäude. Das Hotel werden übrigens auch unsere eigenen Mitarbeiter betreiben. Wir sind keine Hoteliers, haben aber die richtigen Leute dafür eingestellt. Wir wollen selber den Stil des Hotels kreieren und die Verfügbarkeit der Zimmer auch zu Messezeiten garantieren. Das ginge nicht mit einem externen Betreiber.


BGW: Sie legen Wert auf die Feststellung, dass das Coreum keine Messe ist. Aber was ist das Coreum dann? Wie beschreiben Sie Ihr „Produkt“?

Hickmann: Wir betrachten es als Schulterschluss zur Messe. Als Partner in beide Richtungen. Fortführung einer Messe ist an sich nicht falsch. Die Messen haben absolut ihre Daseinsberechtigung, wir ebenso. Die Konzepte sind unterschiedlich.

BGW: Journalisten neigen dazu, Schubladen zu verwenden, daher meine Frage nach der Begrifflichkeit …

Hickmann: Insofern trifft das Wort Plattform schon ganz gut. Nehmen Sie den heutigen Tag: Wir hatten am Vormittag Kunden, die wegen der Vorführung von Funktionen da waren. Dann Schulungsteilnehmer und Start-ups, die neue Produkte getestet haben. Und ein Filmteam und ein Verband. Diese Vielfalt ist unsere Stärke. Wenn ich jetzt sage: „Mehr als eine Messe“, stimmt das nicht und ich würde nur Ärger bekommen (lacht).

BGW: Das Coreum will nicht nur Produkte, sondern auch Prozesse darstellen. Woher holen Sie die Expertise hierfür?

Hickmann: Zum großen Teil aus dem eigenen Team, wir haben Mitarbeiter, die ehemals bei großen Bauunternehmen oder auch Herstellern gearbeitet haben. Dann aus der Kommunikation mit den Endkunden. Wir stellen viele Fragen und hören zu. Und, last but not least, von den Partner-Unternehmen. Wichtig ist uns, mit Lösungsansätzen zu arbeiten für konkrete Probleme, und nicht nur Produkte zu zeigen.

BGW: Wo sind die Grenzen der Beratung, die Sie bieten können vor Ort?

Hickmann: Wir haben aktuell drei Anwendungsberater, die die Maschinen fahren können. Es gibt aber auch Produkte, für die man täglich Erfahrung braucht, wie beispielsweise Pflasterverlegemaschinen. Wir bieten Grundberatung und für die tiefen Fragen sind unsere Partner zuständig. Daher sind auch angemeldete Besucher besser für uns.

BGW: Verkauft wird nichts im Coreum?

Hickmann: Nein, mit einer Ausnahme: Die Firma Unsinn verkauft hier mit einem festen Vertriebsmitarbeiter Anhänger. Die Frage andersrum: Das Coreum selbst verkauft nichts. Und erhält auch keine Provision. Es darf hier nie eine Verkaufsshow werden. Wenn wir von einer Produktkategorie wie, sagen wir mal, Saugbagger, drei oder vier Anbieter reinholen, landen wir sehr schnell in einer Verkaufsshow. Hier soll es aber um Prozesse gehen. Wir wollen den Markt nicht quantitativ abbilden, lieber in seiner Breite. Darin liegt auch eine Chance: Es gibt noch viele Branchen, die wir hier noch nicht abbilden. Unsere Liste mit Wunschpartnern ist noch lang (schmunzelt).

BGW: Besteht die Gefahr, sich auf so einem großen Gelände auch zu verzetteln?

Hickmann: Definitiv. Deswegen geht es für uns immer auch um die Integration des Vorhandenen.

BGW: Es müssen also nicht jedes Jahr 15 oder mehr neue Partner hinzukommen?

Hickmann: Nein. Wenn wir ein neues Projekt wie den Recycling-Park starten, werden es natürlich schnell wieder 15 neue Partner, aber eben in einem neuen Segment.

BGW: Nächstes Jahr wollen Sie auch den Messe- Park eröffnen – worin besteht der Unterschied zum bisher Gezeigten?

Hickmann: Der Messe-Park wird eine statische Ausstellung, die auch öffentlich zugänglich sein wird. Wir werden hier auch für Branchenfremde unsere Branche erlebbar machen und dafür werben.

BGW: Wie wichtig ist Ihnen der Bereich Schulungen?

Hickmann: Es gibt keine bestimmte Gewichtung. Die Akademie wird stärker in den Fokus rücken. Wir führen bereits eigene Anwender- und Technikertrainings durch. Gemeinsam mit Partnern oder auch als Coreum selbst. Wir sind gut in Anwendungsthemen, Verbände und Partner sind besser bei Sicherheitsthemen aufgestellt – und so schaffen wir in der Summe sehr praxisbezogene Trainings. Das Feedback der Teilnehmer ist bisher hervorragend. Wir sehen viel Schulungsbedarf in der Branche – viele Büromitarbeiter bekommt einen Excelkurs, aber Maschinisten werden eher selten geschult. Hier setzen wir an.

BGW: Wie nah ist das Coreum, das ja zu Anfang mal Kiesel Welt hieß, am Kiesel-Konzern dran? Haben die Besucher in Ihren Augen verstanden, dass das Coreum eigenständig ist?

Hickmann: Die Nachricht ist angekommen, aber noch nicht zu 100 Prozent. Wir schaffen das, indem wir viele Partner im Coreum haben, die nichts mit Kiesel zu tun haben. Von 51 Partner sind 29 „Kiesel-neutral“. Nehmen wir als Beispiel ELA-Container. Bei Kiesel bekommen Sie keinen ELA-Container gemietet oder verkauft. Im Coreum ist ELA-Container ein perfekt passender Partner. Jeder, der eine Baustelle hat, braucht einen Container. Oder nehmen Sie Optimas, RSP oder Deutz – alle diese Unternehmen haben nichts mit Kiesel zu tun. Aber natürlich hat Kiesel hier auch Büros angemietet und nutzt die Ausstellung.

BGW: Herr Hickmann, ich danke für das Gespräch.

Martin Schrüfer sprach mit Björn Hickmann Mitte August in Stockstadt am Rhein – und war bei seinem Besuch beeindruckt von der Größe des Geländes und den zukünftigen Plänen.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 10/2021.

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