Aus Baugewerbe Unternehmermagazin 11\2019

Oliver Willms,

Mit AXL autonom in die Grube fahren

Nutzfahrzeughersteller Scania zeigt seine Interpretation eines fahrerlosen Lkw für den Erdbewegungs-Einsatz. Der AXL getaufte Prototyp soll vor allem im Bergbau zum Einsatz kommen.

Selbstfahrer in der Mine: autonom fahrender Scania-Kipper AXL. © Scania

Scania schafft den Fahrer ab!“ Mit dieser Schlagzeile schockte die Internetmeldung eines Branchendienstes wohl nicht nur die eingefleischten Fans der Traditionsmarke aus Schweden. Denn bei Scania ist der Fahrer ein wichtiger Teil der Produktwertschätzung, die das Image der Schweden prägt. Ganz so schnell wie befürchtet geht es dem Mann am Steuer aber noch nicht an den Kragen. Mit dem futuristisch durchgestylten Prototypen AXL wollen die Schweden vorerst nur einmal ausloten, wohin die Zukunft vor allem im Bergbau gehen kann.

Noch ungewohnt: kein Fahrerhaus
AXL – wofür der kernige Name steht, hat uns Scania nicht verraten – verzichtet, ebenso wie der vom Erzkonkurrent Volvo bereits vor einem Jahr vorgestellte autonome Lkw Vera, konsequenter Weise nicht nur auf einen Fahrer, sondern auch auf das mithin überflüssige Fahrerhaus. Dadurch entstand ein futuristisches Gesamtdesign, das in jedem Star-Wars-Film problemlos in Szene gesetzt werden könnte. Dort, wo weiland das Fahrerhaus zwei Passagiere beherbergte, sitzt nur mehr ein abgekanteter Kabinenstummel, unter dem sich neben dem Motor die komplette Steuerung für den Selbstläufer befindet. Die extragroße Hinterkippmulde fügt sich formschlüssig an den Triebswerkskasten an und bietet Volumen für mindestens 80 Tonnen Schüttgut, die sich über vier Achsen – zwei davon gelenkt und zwei angetrieben – vom Boden abstützen. Insgesamt ist der Experimental-Kipper so robust auslegt, dass er mit hohen Nutzlasten jenseits der auf öffentlichen Straßen üblichen Werte betrieben werden kann.

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Bisher: autonom, aber mit Kabine
Claes Erixon, Entwicklungs-Chef bei Scania, sieht den AXL als konsequente Fortführung in Sachen autonomes Fahren: „Wir haben bereits einige selbstfahrende Lkw im Kundeneinsatz. Bislang handelt es sich dabei um Fahrzeuge, die im Bedarfsfall auch herkömmlich über einen Fahrerplatz gesteuert werden können. Der Scania AXL hat nun keine Kabine mehr, und das ändert das ganze Spiel grundsätzlich."

Noch mit Diesel unter der Motorhaube: der fahrerlose Vierachser fährt mit konventionellem Antrieb. © Scania

Die Systeme zur Steuerung und Navigation müssen folglich alleinverantwortlich die Aufgabe der Fahrzeugkoordination übernehmen. Dazu steht eine Vielzahl von Kameras, Radarsensoren, GPS-Empfänger und sogenannten Lidar-Systemen mit Lasertechnik zur Verfügung. Mit den überlappenden und koordinierten Informationen aller Systeme orientiert sich der AXL-Bordrechner an Straßenmerkmalen, einem vorgegebenen Einsatzstreckenpfad und vermeidet den Kontakt mit überraschend in den Fahrweg auftauchenden Hindernissen. Mit dieser Technologie kommt der autonome Schwede auf fest programmierten Routen wie beispielsweise im Abraumtransport unter oder über Tage gut zurecht. Dort, wo wenig Gegenverkehr, kaum Personen und keine zufällig auf die Straße laufende Kinder auftauchen, kann man den Selbstläufer relativ risikoarm arbeiten lassen.

In freier Wildbahn oder gar in einer sich permanent verändernden Umgebung wie beispielsweise einem Kiesbruch wäre der Computergesteuerte freilich schnell überfordert. Denn AXL kann weder Handzeichen des Radladerfahrers erkennen noch die Tücken einer Abbruchkante am Baggersee sicher voraussehen.

So ganz traut Scania seinem autonomen Bauarbeiter auch noch nicht über den fahrerlos zurückgelegten Weg. Zur Premiere des AXL ins der schwedischen Heimat mussten die Besucher das selbstgelenkte Treiben des orange lackierten Kippers aus hundert Meter Entfernung geschützt durch einen Kiesaufstieg in Augenschein nehmen – weit genug entfernt vom stoisch seinen eingegebenen Kurs fahrenden AXL.

Sehen und gesehen werden: ein umfangreiches Paket aus Radar, Lidar und Kameratechnik leitet den AXL auf den rechten Pfad. © Scania

Große Schritte, aber noch nicht die Antwort
Dass die aktuellen autonomen Fahrzeuge noch keine vollwertigen Verkehrsteilnehmer sind, sieht auch Scania-Entwickler Claes Erixon: „Wir haben beim selbstfahrenden Fahrzeug in den letzten Jahren große Schritte gemacht, aber wir haben noch nicht die Antwort auf alle Herausforderungen, die im normalen Straßenverkehr auftreten. Dabei soll uns AXL helfen, weiterzukommen."

In puncto Antriebstechnik bleibt der AXL allerdings echte Innovationen schuldig. Für den Vortrieb sorgt unter dem Kabinenstumpf ein her kömmlicher Dieselverbrenner. Der 13 Liter große Sechszylinder leistet 410 PS und wird mit nachwachsenden Bio-Kraftstoffen betrieben – keine echte Innovation, noch zumal sich der Einsatz eines kräftigen Elektroantriebs gerade auf festgelegten Routen mit beschränkter Reichweite anböte. Inwieweit der Einsatz eines Verbrenners trotz sauberster Abgastechnik unter Tage sinnvoll ist, sei dahingestellt.

„Mit dem Scania AXL Concept Truck machen wir einen wichtigen Schritt in Richtung der intelligenten Transportsysteme der Zukunft, bei denen selbst fahrende Fahrzeuge natürlich eine Rolle spielen werden“, kommentiert Scania-CEO Henrik Henriksson den Stapellauf seines jüngsten Babys. Vom Einsatz auf und zur Baustelle sind die autonom arbeitenden Lastwagen aber trotz vielversprechender technologischer Entwicklung noch meilenweit entfernt. Dort wird auch weiterhin ein intelligent agierender Fahrer jedem noch so cleveren Elektronengehirn unter der Motorhaube überlegen sein.

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