Aus Baugewerbe Unternehmermagazin 3\2020

Oliver Willms,

Neue MAN-Baureihe: Bau-Löwen mit Biss

Mit neuem Fahrerhaus, innovativem Innenraumkonzept und zahlreichen neuen Assistenzsystemen schickt MAN seine TG-Generation vom leichten TGL bis zum TGX-Flaggschiff an den Start.

Starke Truppe: Erneuerte MAN-Generation vom Flaggschiff TGX bis zum leichten TGL. © MAN

Was lange währt, wird irgendwann etwas altbacken. Das hat MAN mit seiner ­TG-Generation erlebt und nun die rundum überarbeitete Nachfolgefamilie der ­bayerischen Trucks auf die Räder gestellt. Fast zwanzig Jahre nach dem TG-A-Debüt in Monaco kommen die Münchner mit einem so stark überarbeiteten ­Fahrerhaus an den Start, dass man guten Gewissens von einem neuen Fahrzeug reden kann.

Das macht schon einmal die Optik des neuen MAN-Flaggschiff TGX klar: Stilistisch deutlicher akzentuiert, aerodynamisch verfeinert, aber trotzdem auf den ersten Blick ein MAN stellt sich der neue TGX mit grimmigem Löwen-Blick aus den LED-Scheinwerfern der Konkurrenz. Der große ­Kühlergrill liefert genügend kühlende Luft für die aktuellen Euro-6D-Triebwerke, die im Leistungs­bereich von 330 bis 640 PS unter dem Fahrerhaus sitzen. Mit organischem Schwung aus der Frontpartie und eleganten Luftleitkörpern fließt der neue Löwenlook in die Flanken der kubischen Kabine über. Das 2,44 Meter breite TGX-Fahrerhaus sitzt nun etwas höher, aber der Einstieg über vier Stufen gerät dank griffiger Handläufe jedoch komfortabel.

Fahrerhaus ordentlich überarbeitet
Im radikal überarbeiteten Fahrerhaus hat sich einiges getan: Ein breiterer Sessel, wahlweise mit ­verschiedenen Komfortextras zu ordern, und das neu gestaltete Multifunktionslenkrad ­prägen­ den ersten Eindruck vom Arbeitsplatz. Jetzt ­sitzen­ die Bedien­funktionstasten auf dem auch sehr steil einstell­baren Volant logisch aufgeteilt in den Lenk­radspeichen: links Tempomat, Telefon und ­Lautstärke, rechts die Wahltasten und Bedien­wippen für das intuitiv aufgebaute Bedienmenü, das auf dem ebenfalls neugestalteten Instrumenten­träger teilweise in 3D-Klargrafik schön übersichtlich aufgeblättert werden kann.

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Der schlanke Getriebewählhebel an der ­Lenksäule löst endlich den altbackenen Dreh­schalter auf dem verwaisten Schalthebelbock rechts neben dem ­Fahrersitz ab. Hier bietet der MAN nun ­un­gehinderten Durchgang über den flachen Motor­kasten und viel Platz in zwei unter der breiten ­Liege sitzende Schubladen mit Kühlschrank und ­Stauraum. Die neue Bedien- und Innenraum­philosophie bleibt nicht nur ein ­Privileg der ­Straßenfahrzeuge. Auch die TGS-Modelle ­rollen mit den Neuerungen außen wie innen an den Start. Auch dessen Arbeitsplatz wird mit einem Hightech-­Highlight im Armaturen­brett glänzen: Ein ­zentraler Dreh/Drück-Steller mit zwei Verstellringen und einem mittig ­sitzenden Bedien­knubbel übernimmt die Steuerung auf der Reise durch die umfang­reichen Menüs. So etwas ist in der Lkw-Branche ­bislang neu und kennt man nur aus Oberklasse-Pkw. MAN nennt das griff­sympatische Teil in seiner ­eigenen Denglisch-­Sprache „Smart­Select“. Smart ist der ­kleine Bedienrüssel in der Tat. Die Hand ruht auf einer ausklappbaren ­kleinen Auflage, Finger rufen über ein Verstellrad mit ­Tastendrücker verschiedene Menüprogramme auf einem zusätzlichen ­Digitaldisplay auf. Quasi als ­Krönung kann man über dem auf dem Drehrad sitzenden Touchpad einfache Buchstaben­kombinationen direkt in das Digitalmenü übertragen. Der schnelle Durchgang durch die verschiedenen, logisch auf­gebauten Menü­strukturen funktioniert auf Anhieb ­intuitiv und ­einfach. Allerdings wirkt das ­­Display etwas zu klein geraten. Wahl­weise – und ­MAN-typisch gegen Aufpreis – gibt es eine etwas breitere Variante.

Drück-Glück: Neuartiger Dreh-Drück-Schalter für die Navigation durch die Service-Programme auf dem TFT-Display. © Oliver Willms

Neue Komfort-Features in der Kabine
So werden die Kabinen in der preis­sensibleren ­Verteiler-Lkw-Klasse oder die klassischen ­Bau-­Arbeiter wohl eher als schlank ­aus­gestattete ­Varianten an den Start gehen und die ­Aus­stattungsfülle den schweren TGX vorbehalten ­bleiben. Ein Highlight gibt es dafür aber kostenfrei mit: Mit ­spitzen ­Fingern kann man auf der kompakten Touch-Pad-­Ober­fläche ­beispielsweise ­Buchstaben für die ­Navigation zeichnen, die der ­kluge Bordrechner bei der Ein­gabe von Anfangsbuch­staben für die Navi-Suche auch erkennt und umsetzt. Damit erspart man sich ­wiederum den Scroll-Weg durch ­komplette Alphabet­anzeigen. Das neugestaltete Armaturenbrett mit zahl­reichen ­Ab­lagen, ­Steckdosen und Getränkehaltern überzeugt mit allem, was man an einem modernen Arbeitsplatz erwarten kann. Praxisbezogene Details wie das ausfaltbare Tablett im Handschuhfach zeugen davon, dass man sich mit den Wünschen und Bedürfnissen der Fahrer auseinandergesetzt hat. Dazu gehört beispielsweise auch die Tasten­einheit von vier Schaltern im unteren Türblatt, die bei ­ge­öffneter Tür auch außerhalb des Fahrzeugs ­betätigt werden kann. Gerade am Bau ist beispielsweise der externe Motorstart für Mischer oder Absetzer eine wesentliche Erleichterung.

Ausstattung macht Lust aufs Cockpit
Mit der Innenausstattung wie der gut zugänglichen Kühlschrankschublade unter der Liege, herausnehmbarer Müllbox, auch von innen gut zugäng­lichen Außenstaufächern oder die Komfortliegen mit Mehrzonenmatratzen und Lattenrost punktet die Kabine klar bei der Fahrergunst. Ein Extra bei der unteren Liege: Sie lässt sich über fünf Aufstellrasten als Ruheliege zum Lesen oder TV-Schauen aufrichten. Von der Ruhe- oder Schlafposition aus kann der Fahrer die wichtigsten Funktionen wie Licht, Klima, Türschloss oder Audio entweder über ein Mobilteil mit Farbanzeige oder per eigener App über das Mobiltelefon steuern. Zusätzlich bieten offene ­Ab­lagen über den Türen und rund ums untere Bett viel Platz für das tägliche Kleinzeug. So ausstaffiert wird der MAN seinem Image als Kumpel der Fahrer gerecht. Und genau darauf haben die Entwickler das Fahrzeugkonzept auch ausgerichtet: Wertschätzung der Fahrer, damit die einen guten Job machen oder sich im Zeitalter des aktuellen Fahrermangels überhaupt erst wieder ins Lkw-Cockpit locken lassen.

Assistenten mit an Bord
Mehr Pflichtübung als Kür stellt die heute ­übliche Digitalisierung viele Anwendungen in Apps dar, etwa die Uptime-Wartungskontrolle in Echtzeit, mit der Servicehefte obsolet und bedarfs­abhängige ­Wartungen realisiert werden. Auch mit den zahl­reichen angebotenen Assistenz­systeme hat MAN nachgelegt. Spurführungs­assistenten ­leiten den Truck automatisch zurück auf den Weg, ­Stau­assistenten mit automatisierter ­Stopp-and-Go-Fahrt erleichtern den Fahreralltag, ein neuer Abbiegeassistent und die neue Generation von Notbremssystemen sorgen für Sicherheit. Im ersten Fahrtest überzeugt auch der satelliten­gestützte Tempomat, der dem Fahrer gerade auf Lang­strecken zunehmend die Verantwortung für den passenden Leistungseinsatz abnimmt.

Mit diesen modernen Systemen zieht MAN gegenüber der Konkurrenz wieder auf ­Augen­höhe. Die komfortorientierte Kabine macht auch abseits der Straße eine gute Figur. Lobenswert, dass MAN hier die Leute vom Bau genauso schnell wie die ­Fernverkehrsfahrer mit dem neuen Konzept beglückt.

TG-Variantenvielfalt neu sortiert

MAN-Baureihe TGX
Mit der Einführung der neuen Fahrerhäuser ändern sich die Bezeichnungen und Zuordnung der vier Kernbaureihen nicht. So übernimmt der TGX alle Aufgaben im Langstreckenverkehr. Die Motorisierung reicht vom Einstiegsantrieb D15 mit 330 bis 400 PS über den gängigen D26 im populären Leistungsspektrum 430 bis 510 PS bis hin zum Spitzenmotor D38, der bis zu 640 PS mobilisiert. Für Spezialanwendungen wie Schwertransporte bis 250 Tonnen Gesamtzuggewicht stehen im TGX-Programm auch funktionsoptimierte 6x4- oder 8x4-Versionen bereit. Der TGX kommt immer mit 2,44 Meter breiten Großraumkabinen entweder mit dem Hochraumdach GX, dem mittelhohen Dach GM oder einem normal hohen Dach als GN zum Kunden.

MAN-Baureihe TGS
Der TGS trägt im Gegensatz zu den TGX Fernverkehrsbrüdern schmalere Fahrerhäuser mit 224 Zentimeter Breite auf dem Chassis, um als spezialisierte Sattelzugmaschine für Solo- oder Tanktransporter, schwerer Verteiler oder Offroader  im Einsatz auf und zur Baustelle möglichst gute Wendigkeit und viel Nutzlast zu gewährleisten. Ein kurzes NN-Fahrerhaus für den Bau oder das flache FN-Fahrerhaus für Autotransporter ergänzen die Fahrerhausauswahl. Die Achsformeln reichen von der klassischen 4x2-Sattelzugmaschine über 6x2-, 6x4-, 4x4-, 6x6-, 8x6- bis zu schweren 8x8-Vierachser. Der TGS lässt sich wie auch der TGX in den nicht allradgetriebenen Varianten auch mit dem Hydro­drive-Vorderachsantrieb ergänzen. Als Antrieb stehen der D26 und der neun Liter große D15 im Bereich von 330 bis 510 PS zur Wahl.

MAN-Baureihe TGL
Für leichte und mittelschwere Einsätze schickt MAN den TGL als zweiachsigen 7,5- bis 12-Tonner und den TGM mit zwei oder drei Achsen im Bereich von zwölf bis 26 Tonnen ins Rennen. Der TGS wird von einem modernen Vierzylinder mit bis zu 220 PS mobilisiert. Wahlweise steht auch ein Sechszylinder mit 250 PS bereit, der auch im TGM mit Leistungen bis zu 320 PS eingesetzt wird. Der TGM bietet darüber hinaus Versionen mit 4x4- oder 6x4-Antrieb für Kommunaldienste oder Baueinsätze. Neben dem 2,24 Meter breiten CC-Fahrerhaus kann man die Modelle TGL oder TGM für Kommunaleinsätze oder Feuerwehren auch mit einer ­neuen viertürigen Doppelkabine ab Werk ordern.

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