Interview

Susanne Frank,

„Alle wollen Häuptling werden, aber keiner will Indianer sein.“

Als Hartwig Finger, der neue Vorstandsvorsitzende der Cramo AG, auf der GaLaBau im September sich zum ersten mal den Fragen von Fachjournalisten stellte, war er gerade mal 10 Wochen im Amt. Hier gibt er den Lesern des Baugewerbe Unternehmermagazins Einblicke in seinen Hintergrund und warum er sich eher als Leader denn als Boss begreift. Er erzählt, wie sich Cramo künftig aufstellen und als Partner der Baubranche agieren will.

Hartwig Finger, Vorstandsvorsitzende der Cramo AG © Susanne Frank

Herr Finger, Sie sind seit Mitte Juni neuer Vorstandsvorsitzender bei der Cramo AG. Die Baubranche ist nicht neu für Sie. Skizzieren Sie kurz Ihre vorherigen Stationen für unsere Leser.
Hartwig Finger: Ich war zuvor bei der Dwyer Group angestellt als President Continental Europe. Die Dwyer Group ist ein Multi-Franchise-Konzern im Bereich des Baugewerbes, fokussiert auf alle Gewerke rund um die Immobilie sowie Brand- und Wasserschadensanierung. Also alles, was den Ausbau und Umbau sowie Reparaturen betrifft. Davor war ich Geschäftsführer bei Polygon, dem Marktführer in der Brand- und Wasserschadensanierung sowie temporären Klimatisierung. Mein Hintergrund ist der Dienstleistungs- und Servicebereich rund ums Gebäude und die Baustelle. Der Bereich Vermietung von Baugeräten ist allerdings neu für mich.

In einer Mitteilung über Sie stand, Sie seien spezialisiert auf kulturelle Veränderungen in der Baudienstleistung. Was meinen Sie damit genau?
Finger: Ich bin für einen deutschen Manager, was vielleicht etwas ungewöhnlich ist, sehr skandinavisch geprägt. Bei Polygon habe ich viel Unterstützung aus der schwedischen Muttergesellschaft bekommen und viel Inspiration, wie man gemeinsam Dinge angeht. Ich identifiziere mich darüber, dass wir gemeinsam mit den Mitarbeitern Ziele definieren und erarbeiten. Um am Ende des Tages ein klares Bild davon zu haben, wo wir hin wollen. Ich bin kein typischer Chef, der sich hinstellt und sagt „wir machen das so“. Ich will Mitarbeiter vielmehr einbinden in den Prozess, um umsetzbare Ideen zu entwickeln.

Anzeige

Dann sind Sie also nicht der Typus autoritärer Chef?
Finger: Es gibt den Boss und den Leader. Früher wusste der Boss alles, der kannte alle Bereiche und kannte jede einzelne Schraube im Unternehmen und wie herum sie gedreht werden soll. Und hat keine Alternativen zugelassen. Ich bin eher der Leader, der genau weiß, worum es geht.

Ich kenne mich im Bausegment aus, aber ich weiß jetzt nicht wie von Yanmar der S260 im Detail funktioniert und wo ich den genau einsetzen kann. Das wissen aber in unserem Unternehmen ganz viele andere und die können das sehr gut vermitteln. Warum soll ich das dann besser wissen als sie? Ich höre sehr gerne zu, mit dem Willen, zu verstehen. Das gibt sehr schnell ein klares Bild vom Gesamtkonstrukt Bau.

Für wie viele Mitarbeiter sind Sie nun verantwortlich?
Finger: Circa 550. In Deutschland, Österreich, Ungarn, der Tschechei und in der Slowakei.

Sie sagen Sie haben Lust, ein neues Zeitalter einzuläuten. Das klingt nun, sagen wir mal, sehr ambitioniert…
Finger: Das klingt ambitionierter als es ist. Ich will den Markt nicht revolutionieren. Wir werden im Markt Maschinen vermieten und ihn wie bisher bedienen. Was wir neu machen wollen: Im Englischen nennt man es: „From fence to tool to partner of choice.“ Das heißt: Vom Bauzaun bis zum Werkzeug wollen wir auf der Baustelle der Partner der Wahl sein. Wir wollen nicht reiner Maschinenvermieter sein, sondern verfolgen einen partnerschaftlichen Ansatz mit dem Kunden. Wir sagen ihm, wir betreuen die gesamte Baustelle, du brauchst einen Bagger und hier eine Rüttelplatte oder Straßenmaschine und Werkzeuge und die Infrastruktur und Logistik machen wir auch mit dir. Das ist unser Ziel.

War das denn bisher nicht schon so?
Finger: Doch. Wir haben nur jetzt durch den Kauf von KBS ganz andere Möglichkeiten. Bisher haben wir beraten und vermietet, jetzt können wir durch KBS das ganze Thema Infrastruktur und Logistik viel besser einbeziehen und an den Mann bringen.

Was haben Sie konkret für Ziele – kurzfristig und langfristig?
Finger: Zu den konkreten Zielen kann ich momentan nichts sagen. Die sind noch nicht spruchreif. Es wäre auch unglaubwürdig, wenn ich sage, ich möchte diese mit den Mitarbeitern erarbeiten und wüsste nach 10 Wochen konkrete mittelfristige und langfristige Ziele. Ich weiß aber, in welche Richtung es geht.

Stichwort Fachkräftemangel. In der Vergangenheit hat man gehört, Cramo will gezielt etwas für Frauen tun. Ist das auch etwas, was auf Ihrer Agenda steht?
Finger: Ich bin kein Freund der Frau-Mann-Diskussion. Das ist meiner Meinung zu weit aufgebauscht. Bei uns haben Frauen und Männer die gleichen Chancen. Punkt. Da brauche ich keine großen Prioritäten drauf zu setzen. Zum Fachkräftemangel: Ich glaube, wir müssen den Leuten Perspektiven bieten und Möglichkeiten, eine Karriere aufzubauen, entsprechend der Altersstruktur und der Alterssituation mit neuen Aufgaben. Und dadurch den Fachkräften von heute die Perspektiven von morgen aufzeigen, um dem entgegenzuwirken, was das Problem der Branche ist. Nämlich, dass wir nicht genügend Mitarbeiter haben, die eine Fachausbildung im technischen Beruf haben. Alle wollen studieren. Alle wollen Häuptling werden, aber keiner will Indianer sein. Bei uns wird das das Thema sein, was wir uns sehr stark auf die Fahne schreiben.

Stichwort Digitalisierung am Bau. Haben Sie eine kurze Definition für mich, was Sie unter Digitalisierung verstehen?
Finger: Für mich ist Digitalisierung, dass der Kunde, der uns beauftragt, einen möglichst unkomplizierten Weg findet, seine Produkte, die er konkret braucht, möglichst schnell auf der Baustelle zu haben und er die größtmögliche Transparenz hat. Dass wir da Tools haben, um den Ablauf und Erlebnisprozess zu gestalten.

Wie kann man das Thema in der Branche vorantreiben? Was würden Sie Unternehmern raten, die dies noch nicht wirklich an gegangen sind?
Finger: Wenn unsere Mitarbeiter mit den Kunden an den Vorzügen arbeiten und der Kunde den Bedarf sieht, dann wird das ganz von alleine kommen. Etwas raten oder empfehlen – das liegt nicht an uns. Wir können beraten und Partner sein. Die Bauindustrie ist ein Pflock in der Brandung. Wenn man da ankommt und sagt, „ich hab die allumfassende Lösung für euch“, dann wird jeder 1.000 Gründe sagen, warum das nicht stimmt. Von daher geht’s mir erstmal darum, was will der Kunde eigentlich und wenn wir dann die richtigen Lösungen haben, und ich hoffe, dass wir sie haben, wird er sie auch nutzen. Er wird dann sehen, dass es einfacher wird.

Das Mietgeschäft ist neu für Sie, sagen Sie. welche Erfahrungen aus Ihren letzten Jobs helfen Ihnen jetzt für Ihre zukünftigen Aufgaben?
Finger: Am meisten hilft mir, dass ich erstmal weiß, wie die Bauindustrie, die Mitarbeiter und Lieferanten arbeiten und handeln. Die Baustelle ist die gleiche. Ich weiß, was wen antreibt. Auf der anderen Seite habe ich das Verständnis dafür, wo der Fokus in der Dienstleistung ist, um möglichst effizient auf den Kunden zuzugehen und den Kunden zu verstehen. Wohin geht die Reise und was kann sie besser machen.

Danke für das Gespräch, Herr Finger!

Hartwig Finger ist seit 14. Juni 2018 der Vorstandsvorsitzende der Cramo AG. Innerhalb des Cramo-Konzerns ist er als Executive Vice President Central Europe für Zentraleuropa zuständig.

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Interview

9 Fragen an… Jörg Kiefer

Weißwein oder Rotwein? Fleischesser oder Veganer? In "9 Fragen an..." darf es auch mal etwas lockerer und persönlicher sein. Diesmal zu Gast: Jörg Kiefer, Geschäftsführer der Collomix GmbH. 

mehr...

Interview

Die neue Bagger-Generation von Liebherr

Liebherr führt eine neue Generation der Raupenbagger ein. In der ersten Phase werden sieben neue Modelle im Bereich von 22 bis 45 Tonnen vorgestellt. Martin Schickel, Geschäftsführer Vertrieb, Liebherr-France SAS, erläutert, wodurch sich die...

mehr...
Anzeige
Anzeige

Interview

Quereinsteiger gefragt

Gerade für Frauen erscheint die Bau- und Mietbranche mitunter nicht als attraktiver Arbeitgeber. Das Unternehmen Cramo ist eine Ausnahme. Denn hier bekommen auch Quereinsteigerinnen eine Chance. Die Vorteile ihres Recruiting-Prozesses erläutert Anna...

mehr...
Anzeige

Kompaktmaschinen

Vielseitigkeit im Fokus

Wo geht die Reise hin bei den Kompaktmaschinenherstellern? Wie entwickelt sich die Nachfrage und die Umsatzzahlen? Susanne Frank sprach während der bauma mit René Kappus, District Sales Manager bei Bobcat.

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Nordbau

Gemeinsamer Messeauftritt

Die Baumaschinenhändler Hamburger Baumaschinen, Wienäber Baumaschinen und die Firma Hyundai Baumaschinen Nord werden in diesem Jahr zusammen mit über 35 Baumaschinen aller Gewichtsklassen auf der Nordbau in Neumünster vertreten sein.

mehr...

Roadshow

Topcon tourt durch Bayern

Die Digitalisierung von Infrastrukturprozessen hält bei großen und auch kleinen Akteuren der Bau- und Vermessungsbranche Einzug. Diese Entwicklung birgt ein hohes Potenzial zur Steigerung der Effizienz und Produktivität. Im Oktober macht die...

mehr...

Newsletter bestellen

Immer auf dem Laufenden mit dem Baugewerbe Unternehmermagazin Newsletter

Aktuelle Unternehmensnachrichten, Produktnews und Innovationen kostenfrei in Ihrer Mailbox.

AGB und Datenschutz gelesen und bestätigt.
Zur Startseite