Baumaschinen

Martin Schrüfer,

Elektrische Starthilfe

Elektromobilität ist seit jeher Teil der Jungheinrich-DNA. Bereits 1953, also vor knapp 70 Jahren, läutete das Unternehmen mit dem Vierrad-Elektrostapler „Ameise 55“ für sich das Elektrozeitalter ein. Heute fahren mehr als 98 Prozent aller Jungheinrich-Fahrzeuge mit E-Antrieb.

Tobroco Giant und weitere namhafte Player zählen zu den Branchengrößen, bei denen sich „Jungheinrich Powertrain Solutions“ bereits als Lieferant etablieren konnte. © Jungheinrich

Ihre langjährige Erfahrung in Sachen Elektrifizierung bieten die Hamburger seit einiger Zeit nun auch anderen Unternehmen an. Mit Erfolg. Branchen, die auf die Antriebskraft aus der Steckdose setzen wollen und müssen, haben mit dem Intralogistik-Spezialisten einen Partner an ihrer Seite, um gemeinsam Lösungen für ihre emissionsfreien Fahrzeuge von morgen zu entwickeln.

Jungheinrich ist Partner von Giant und liefert Elektromotoren samt Batteriepaket. © Jungheinrich

Rückblick ins Jahr 2013: Bundeskanzlerin Angela Merkel will bis 2020 eine Million Elektroautos auf den Straßen sehen. Aufbruchstimmung? Weit gefehlt. Die Automobilindustrie tut sich zu diesem Zeitpunkt noch schwer mit dem Umstieg auf den Elektroantrieb. Zu lukrativ ist das Geschäft mit den alten Verbrennern. Nur Tesla schickt sich an, von Kalifornien aus den Markt aufzurollen. Jungheinrich produziert schon seit sechs Jahrzehnten Elektrofahrzeuge – und zwar in einem Jahr mehr als alle Autobauer zusammen. In den Lagerhäusern überall auf der Welt fahren mehr als eine Million Elektro-Stapler von Jungheinrich. Zwei Jahre zuvor hatte das Unternehmen das erste Serienfahrzeug mit Lithium-Ionen-Technologie auf den Markt gebracht und eine Revolution in der Intralogistik in Gang gesetzt.

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Große Gewichte müssen sowohl im Lager als auch auf der Baustelle mit robusten Arbeitsgeräten effizient transportiert werden. © Jungheinrich

E-Inkubator auch außerhalb der Intralogistik

Aufbruchstimmung – bei den Hamburgern herrscht sie auf jeden Fall. Jungheinrich nutzt diese Stimmung für den nächsten zukunftsweisenden Schritt. Mit der eigenen Expertise will das Unternehmen von nun an auch Firmen in anderen Branchen beim Umstieg auf den Elektroantrieb unterstützen und sich als E-Inkubator etablieren. Denn auch jenseits der Intralogistik fangen nun die ersten Unternehmen allmählich damit an, darüber nachzudenken, neben ihren bis dato rein konventionell angetriebenen Arbeitsmaschinen auch erste elektrifizierte Modelle ins Portfolio aufzunehmen. Die Lithium-Ionen-Technologie macht es möglich, restriktivere Emissions- und Lärmschutzvorschriften machen es nötig. Noch geschieht das alles in kleinem Maßstab. Der Anfang aber ist gemacht.

Giant kombiniert das Beste aus beiden Welten und entwickelt Maschinen mit geringen Unterhaltskosten und hoher Arbeitsgeschwindigkeit. © Jungheinrich

Es ist die Geburtsstunde der Jungheinrich Powertrain Solutions. Die Hamburger treffen damit einen Nerv. Elektrische Starthilfe ist bei vielen Firmen gerade gefragt. Im Unterschied zu anderen Playern auf dem E-Markt kann Jungheinrich jahrzehntelanges Know-how in der Entwicklung elektrischer Antriebe vorweisen und bietet seinen Kunden bereits einsatzerprobte Komponenten – Prozesssicherheit und Skalierbarkeit inklusive. Die neue Abteilung, die bei diesen Herausforderungen Abhilfe schaffen kann, entsteht zunächst bei den Lithium-Ionen-Fachleuten von Jungheinrich Energy & Drive Systems im schleswig-holsteinischen Norderstedt. Das Ziel lautete von Anfang an: Die bewährten Komponenten aus den Jungheinrich-Serienstaplern so einzusetzen, dass aus mobilen Arbeitsmaschinen emissionsfreie Fahrzeuge der nächsten Generation entstehen.

Ganzheitliches Verständnis für das komplette System

„Vom Rad bis zur Steckdose“, so beschreibt Jungheinrich das ganzheitliche Selbstverständnis in Sachen Elektromobilität auch für Arbeitsmaschinen. © Jungheinrich

„Die ersten Jahre haben wir uns noch im Start-up-Modus bewegt, mussten das Potenzial des neuen Geschäftsmodells immer wieder unter Beweis stellen“, erinnert sich Philipp Tielmann, der seit 2019 das Geschäftsfeld Powertrain Solutions leitet. Mit Erfolg, denn schnell wurden Unternehmen außerhalb der Intralogistik auf das Potenzial aufmerksam – vorneweg die Hersteller von Bau- und Landmaschinen. Denn ob Gabelstapler oder Bagger: Große Gewichte müssen sowohl im Lager als auch auf der Baustelle mit robusten Arbeitsgeräten effizient transportiert werden. Ein namhafter Hersteller von Rad- und Teleskopladern war dann auch der erste Großkunde von „Powertrain Solutions“. Für einen elektrischen Radlader lieferte Jungheinrich Motoren, Antriebssteuerung und Software, 2015 startete die Serienproduktion des E-Radladers. „Eine elektrisch betriebene Baumaschine war damals absolutes Neuland“, so Tielmann.

Was diesen und mittlerweile auch viele weitere namenhafte Kunden überzeugt hat, ist die Tatsache, dass Jungheinrich als langjähriger Technologieführer fertige Antriebsstränge aus seinen eigenen Fahrzeugen transplantieren kann. „Im Gegensatz zu manchen Wettbewerbern sind wir selbst Fahrzeughersteller und nutzen die gleichen Komponenten in unseren eigenen Fahrzeugen“, konkretisiert Tielmann. „Wir verstehen damit das komplette System, wissen, was beachtet werden muss – etwa hinsichtlich der elektromagnetischen Verträglichkeit oder der Kommunikation zwischen den Komponenten – und können Kunden vollumfänglich beraten.“ Aber nicht nur Hardware und Software stehen zur Verfügung, ergänzt er, sondern auch die Sicherheit für Kunden, dass Jungheinrich mit seinen bewährten Strukturen künftiges Wachstum prozesssicher abbilden kann.

Der Kunde steht im Fokus

2019 gliederte Jungheinrich das Segment Powertrain Solutions an das Werk Lüneburg an, das bereits seit 30 Jahren auf die Umsetzung individueller Kundenwünsche spezialisiert ist. Kurze Wege, Macherqualitäten, Professionalität auf neuen Wegen: „Das war ein wichtiger Meilenstein für unseren Wachstumsprozess“, betont Tielmann. „Das Mindset in Lüneburg mit seiner starken Orientierung an individuellen Kundenbedürfnissen passt sehr gut zu unserem Ansatz und gibt uns die Möglichkeit, immer neue Branchen mit ganzheitlichen elektrischen Antrieben zu versorgen.“

„Vom Rad bis zur Steckdose“, so beschreiben sie bei Jungheinrich ihr ganzheitliches Selbstverständnis in Sachen Elektromobilität. Es geht um das Beherrschen aller Komponenten, um so perfekt aufeinander abgestimmte Lösungen anzubieten. Das lebt Jungheinrich auch im Bereich Powertrain Solutions: Zu Jungheinrichs Elektrifizierungs-Komplettpaket der Marke Rundumsorglos zählen die vier aufeinander abgestimmten Komponenten Steuerung, Batterie, Ladegerät und Motor. Plus Beratung. „Wir liefern den kompletten Antrieb und garantieren dessen Funktionalität“, fasst Tielmann zusammen. „Unsere Kunden müssen folglich nicht mehrere Lieferanten koordinieren, sondern bekommen ein erprobtes System aus Einzel-Komponenten, die perfekt ineinandergreifen – hohe Energieeffizienz inklusive.“ Auch die Unterstützung der weltweit 6.000 Jungheinrich-Servicemitarbeiter gehört zum Gesamtpaket und garantiert die hohe Verfügbarkeit der von den Hamburgern elektrifizierten Fahrzeuge.

Bau- und Landmaschinenbranche hochinteressiert

Argumente, die überzeugen. Schnell spricht das Konzept viele Kunden aus der Bau- und Landmaschinenbranche aufgrund der ähnlichen Anforderungen an, die ihre Arbeitsmaschinen im Vergleich zur Intralogistik haben. JCB, Tobroco-Giant, Siloking und weitere namenhafte Player zählen zu den Branchengrößen, bei denen sich „Jungheinrich Powertrain Solutions“ bereits als Lieferant etablieren konnte.

Für Tobroco-Giant, Hersteller von Kompakt-, Teleskopladern und Telehandlern, ist die Zukunft elektrisch. Der G2200E und der G2200E X-TRA sind Radlader mit einem Einsatzgewicht von 2,2 Tonnen und die ersten elektrischen Maschinen, die bei Tobroco-Giant gebaut wurden. Inhaber und Geschäftsführer Toine Brock erwartet, dass mittelfristig die Hälfte der Kompaktmaschinen elektrisch angetrieben sein wird. Derzeit arbeitet Tobroco-Giant an elektrischen Maschinen in der 1,5-, der 2,5- und der 3,5-Tonnen-Klasse. „In Jungheinrich haben wir einen global agierenden und zuverlässigen Partner mit langjähriger Erfahrung in der Entwicklung von elektrisch angetriebenen Maschinen gefunden“, so Brock. „Das Unternehmen liefert die Elektromotoren sowie das Batteriepaket, jedoch werden Hard- und Software bei uns selbst entwickelt. Das gibt uns die Möglichkeit, das Beste aus beiden Welten zu kombinieren und damit Maschinen zu entwickeln, die geringe Unterhaltskosten und eine hohe Arbeitsgeschwindigkeit ermöglichen.”

Volle Leistung bis zum Schluss

Erst die Energie- und Leistungsdichte der Lithium-Ionen-Batterien von Jungheinrich hat die sinnvolle Elektrifizierung von Land- und Baumaschinen bewirkt, ergänzt Tielmann und meint damit unter anderem die nötige Einsatzdauer, die den Gewohnheiten der Kunden entsprechen: Im Gegensatz zur Bleisäure- ist die Lithium-Ionen-Batterie belastbarer; auch wenn der Ladestand absinkt, bleibt die Spannung stabil. So steht bis zum Schluss noch die volle Leistung zur Verfügung. Hinzu kommt, dass die modernen Stromspeicher wartungsfrei betrieben werden können. Die Möglichkeit zu kurzem Zwischenladen sichert eine fast durchgehende Verfügbarkeit.

Ein Blick auf die Zahlen spricht für Jungheinrichs Strategie. Jahr für Jahr wurde der Umsatz bisher verdoppelt. „Das ist der Lohn unserer Arbeit“, sagt Tielmann, außerdem ziehe der Markt gerade deutlich an. Allein im Bereich der Baumaschinen, wo zurzeit noch kaum ein Prozent aller Fahrzeuge elektrisch betrieben werden, erwartet der Experte in den kommenden Jahren einen zweistelligen Anteil an E-Antrieben. Die Start-up-Zeiten waren lehrreich, sind aber heute längst vorbei. Auch personell stehen die Zeichen bei Powertrain Solutions deshalb auf Aufbruch. „Wir gehen aktuell die nächsten Schritte, um auch weiterhin mit dem Markt wachsen zu können“, blickt Tielmann in die Zukunft. „Mit verfeinerten Strukturen und optimierten, noch näher an den Kunden ausgerichteten Prozessen stellen wir uns bei Jungheinrich darauf ein, dass künftig bei vielen Fahrzeugherstellern außerhalb der Intralogistik die Elektropower unter der Haube von Jungheinrich kommt.“

Drei Fragen an Philipp Tielmann, Leiter Jungheinrich Powertrain Solutions

Seit Jahrzehnten „Daily Business“

Baugewerbe: Jungheinrich konzentriert sich bislang bei der Lieferung von elektrischen Antriebskomponenten auf Bau- und Landmaschinen. Warum?

Philipp Tielmann: Diese Fahrzeuge haben sehr ähnliche Anforderungen wie die Arbeitsgeräte in der Intralogistik. Bei Bau- und Landmaschinen geht es genau wie bei Staplern um Robustheit, Standfestigkeit und Verfügbarkeit im Sinne von Zuverlässigkeit. Zudem geht es in beiden Branchen um das effiziente Bewegen von großen Lasten, die Fahrgeschwindigkeiten sind ähnlich, Motoren und Antriebstechnik liegen in einem ähnlichen Leistungsbereich. Da liegt es nahe, die gleichen Antriebskomponenten zu nutzen. Aber auch andere Branchen können von unserem Angebot profitieren.

BGW: Welche Rolle spielt für „Powertrain Solutions“ die Tatsache, dass Jungheinrich mittlerweile rund 16.000 Lithium-Ionen-Batterien jährlich produziert?

Tielmann: Unsere Kunden wissen, dass es sich bei unseren Lithium-Ionen-Batterien und weiteren Komponenten um leistungsfähige, bewährte und seit vielen Jahren erprobte Produkte handelt. Während sie selbst meist wenig Erfahrung mit Elektrifizierung haben, ist das für uns bei Jungheinrich seit Jahrzehnten „Daily Business“ – über eine Million elektrische Fahrzeuge sind bei unseren Kunden im Einsatz. Gleichzeitig können wir dank des hohen jährlichen Volumens attraktive Konditionen bieten. All das sind wichtige Argumente für unsere Kunden.

BGW: Jungheinrich setzt bei seinen Lithium-Ionen-Batterien auf Eisen-Phosphat. Was zeichnet diese Zellchemiestruktur aus?

Tielmann: Lithium-Eisen-Phosphat (LFP) ist die sicherste, robusteste und langlebigste Technik. Der einzige, vermeintliche Nachteil von LFP – das höhere Gewicht – ist sowohl für unsere Stapler als auch für Baumaschinen vielmehr ein Vorteil, denn die robusten Arbeitsgeräte benötigen das Gewicht ohnehin zur Stabilisierung. Zudem enthält das chemisch unbedenkliche LFP kein Kobalt, kein Nickel und keine seltenen Erden.

Der Wirtschaftsingenieur Philipp Tielmann arbeitet seit 2014 bei Jungheinrich, war erst Produktmanager in den USA und wechselte 2016 in den neu entstandenen Geschäftsbereich „Powertrain Solutions“. Im März 2019 übernahm er die Leitung des Geschäftsfeldes.

Pluspunkt: Lithium-Ionen-Batterie

Herzstück des Elektrifizierungspakets von Jungheinrich ist die Lithium-Ionen-Batterie. Im Vergleich zur herkömmlichen Bleisäure-Batterie punktet sie mehrfach: Durchschnittlich ist sie um zwei Drittel kleiner, hat eine dreimal längere Lebensdauer, ist in der Handhabung sicherer und komplett wartungsfrei. Mit entsprechenden Ladegeräten lässt sie sich in etwas mehr als einer Stunde von 0 auf 100 Prozent auf- beziehungsweise innerhalb kürzester Zeit auch zwischenladen. Das erhöht die Verfügbarkeit der Fahrzeuge und macht aufwendige Batteriewechsel unnötig. Zudem ist die Lithium-Ionen-Batterie besonders leistungsfähig. Und trotz eines höheren Energieeinsatzes bei der Herstellung weist ein Elektrostapler mit Lithium-IonenBatterien gegenüber einem Dieselstapler der gleichen Traglastklasse einen um 52 Prozent niedrigeren CO2 -Equivalent aus. Mit 97 Prozent fahren mittlerweile nahezu alle Fahrzeuge von Jungheinrich elektrisch.

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